Cock a Leekie

14Mai/122

FRÜHLING

Man darf sich eben nicht ausruhen. Ja, man darf eben nicht innehalten. Das ist ganz falsch. Man muss sich das vorstellen ein wenig wie auf einer Wanderung: Da ist man früh aufgebrochen, so in einen sonnigen Morgen hinein. Ab und zu eine Aussicht. Man genießt den Blick in den Raum hinein. Man vertut sich auch. Da schnell die Anhöhe hinauf. Da gibt’s was. Und nach der ersten Pause spürt man die Mattigkeit. Da geht man weiter. Die Sonne ist jetzt gegen Mittag schon lange kein Freund mehr. Der Weg wird steinig. Den Raum sieht man nicht. Nur die Wurzeln. - Schaffst Du. - Nächste Pause. Das Wasser warm. Die Brote fad. Und da geht man immer noch weiter. Irgendwann freut man sich an jedem Schatten, den man durchläuft, über jeden Windzug, der einen erfasst. Man fragt: Was habe ich gestern nur getan. Warum diese Kraftlosigkeit. Ja, kennst Du Dich aus. - Und noch zehn Kilometer. Schließlich ist nur noch Schatten und nur noch Wind, und die Wurzeln sieht man auch nicht mehr. Nur kurz ausruhen. Einen Augenblick. Gleich hier an dem Hang. Und dann sitzt man und stellt fest, dass die Landschaft einfach weiter wandert. Die wandert einfach so durch: Da kommt ja der Felsen, an dem ich gerade vorbei gewandert bin, und da diese Fichte, der Rastplatz, der Bach, da wandert sogar mein Zuhause durch mich durch. Wie jetzt das Ziel erreichen. Ach. Alles egal. Zählt eh nicht. Wir spielen ohne Siegburg. - Man darf sich nicht ausruhen. Nicht einen Augenblick. So ist das. Selber Schuld. Dann denkt man kurz im Zwielicht: Wie war das noch mal. Der Weg ist das Ziel. Aber setzt das nicht voraus, dass man weiß, wo man langläuft, aber nicht wohin man will. Und wie ist das, wenn man weiß, wohin man läuft, aber nicht wo. Ist dann das Ziel das Ziel. Eben. Aber schon ist Nacht.

25Apr/120

ROM

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31Jan/120

Nach der Orgie II

bzw. während der Prüfungsvorbereitung habe ich ein neues Wort erfunden:

Salatblatterkrankungsheilmittelrezepturensammlungs-

regalmanufakturbetriebsratsabrechnungs-

stempelkissenanbieterverzeichniserstellungs-

lehrerzimmerauskehrbesenborstentiergehegepflegerwitwen-

rentensachbearbeiterergleichbehandlungsgesetz.

Im Übrigen ist das auch eine sehr gute Inhaltsangabe zu dem Roman, den ich gerade lese.

27Jan/126

WAS TUN NACH DER ORGIE?

...fragt Baudrillard.

Mmmh, vielleicht Prüfungen?

11Jan/120

Ich mach auch mit…

Für Hank und Farina:

„Ich trage ein Herz mit mir herum, wie ein nördliches Land den Keim einer Südfrucht. Es treibt und treibt, und es kann nicht reifen.“

Heinrich von Kleist


8Jan/121

AUA II – monströs

"Der Andere wird durch seine Stummheit entstellt, wie in jenen entsetzlichen Träumen, in denen uns eine geliebte Person, des Mundes beraubt, mit ganz verhüllter unterer Gesichtshälfte erscheint; und ich, der ich spreche, bin ebenfalls verunstaltet: das Selbstgespräch macht mich zum Monstrum, zur riesengroßen Zunge." Roland Barthes


30Dez/110

AUA I – und Ich… das ist die Pest

In meinem Umfeld grassiert gerade das breakup-virus. Alle machen Schluss oder besser: werden Schluss gemacht. Ich selbst wiederum sonne mich seit Wochen in der Liebe eines Mannes, die ich weder verdient habe noch vergelten kann - ja ja, so kompensatorische denke ich zuweilen. Was hat das mit dem Schlussmachen und dem Anfangen eigentlich auf sich? Kann es sein, dass das Ende einer Liebe die ultimative Erfahrung ist in einer Welt, in der niemals etwas aufhört, sondern immer nur begonnen wird? Und beunruhigender: Kann ich Liebe empfinden? Und kann ich Liebe empfinden und gleichzeitig Aufklärung der Liebe suchen (also ein Wissen der Liebe, eine dem Wissen entsprechende Klugheit des Handelns in Liebesangelegenheiten und damit schlussendlich eine Großzügigkeit des Herzens)? Kann ich lieben?

Während ich dann gestern morgen mit der Planung meiner Selbstoptimierung, Selbstdisziplinierung und zugleich mit der Umsetzung meiner Selbstoptimierung und Selbstdisziplinierung - meiner ganzen Selbstheit also - beschäftigt war, oder genauer: mit Diät, Sport und meiner 40-Stunden-Woche bei "Buch um Buch" (is ja jetzt nich mehr Weihnachten, oder wie), fällt mir in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit beim Durchwühlen meiner Tasche Mark Greifs Essay-Band "Bluescreen" in die Hand. Und dort heißt es:

"Die traditionelle Methode zur Trivialisierung der sexuellen Lust, nämlich ihre Unterordnung unter die alles überwältigende romantische Liebe, funktioniert mittlerweile nicht mehr wirklich, weil der Fokus auf die Selbstfindung das Konzept der romantischen Liebe selbst zunehmend unterminiert. Mit der Selbstfindung wurde zwischen dem Selbst und den anderen eine verspiegelte Wand eingezogen, so dass die Energie, die eigentlich in Faszination, Aufmerksamkeit oder Liebe fließen sollte, sich nun auf uns selbst richtet, selbst wenn sie vermeintlich jemand anderem gilt. Kombiniert man den Hype um die Selbstfindung mit der Vorstellung, man könne sich permanent verwandeln oder erneuern (wobei wir bei diesem Neuen immer im wörtlichen oder metaphorischen Sinn an Jugendlichkeit denken), dann hat man ein bestimmtes Segment der Bevölkerung der wohlhabenden westlichen Welt wohl recht präzise charakterisiert."

15Nov/111

FRAU GEISSLER IM HERBST: Hasenheide

4Nov/110

Anklam

Neustes aus Anklam findest Du hier.

Wenn man durch Dunkeldeutschland reist, dann reist der Empfang nicht mit, dann reißt der Empfang ab. Und: Muss es erst regnen, damit Sie wieder lachen? Nun: Muss es erst regnen, damit ich wieder lache? Natürlich muss es regnen, damit ich lache. Wenn es regnet, dann ist der Netto leer. 4.75. Fünf. 25 zurück. Bitte. Danke.

Und dann reißt der Empfang tatsächlich ab, aber das passiert immer zwischen Anklam und Pasewalk – da also, wo niemand wohnt. Dunkeldeutschland. Da braucht man auch keine Funknetze. Diesen Satz hat Lorenz Luft zu mir am Telefon gesagt, als ich gerade mit dem Zug durch Anklam gefahren bin, über die Peenebrücke gefahren und kurz bevor der Empfang abgerissen ist und dann später, dass ich mit diesem Satz meinen Text beginnen soll, den Text über Robert, den ich gerade besucht habe, und Susanne. Er war nämlich sehr stolz auf seinen Satz und aus Angst, dass ich ihn vergessen könnte, hat er ihn mir später noch einmal als SMS gesendet: „Wenn man durch Dunkeldeutschland reist, dann reist der Empfang nicht mit, dann reißt der Empfang ab.“ Ich tue immer, was Lorenz Luft zu mir sagt. Sonst wäre es auch nie zu unserer Scheidung gekommen – wenn es nach mir gegangen wäre. Er hat mir diesen Satz gesendet und wenig später hat er noch einen guten Einfall: „Oh, Gott. Hätt das Ikaruneum bloß schon geöffnet.“

Dazu muss man wissen, dass Anklam sich die Otto-Lilienthal-Stadt nennt bzw. nennen lässt und dass das Ikaruneum das hiesige Museum für Luft- und Raumfahrt beherbergt, in dem sich sämtliche Nachbauten der Lilienthalschen Flugapparate befinden. Überhaupt ist die Technikgeschichte des Menschenflugs im Ikaruneum umfassend dargestellt, und nicht nur die Flugapparate finden sich in dessen Dauerausstellung, sondern ebenso 4000 Jahre alte Dokumente, die ihrerseits mehr oder minder funktionstüchtige Flugapparate und natürlich die Geschichte des Menschenflugs dokumentieren. Dem Ikaruneum ist überdies der Erlebnisgarten Aeronauticon zugeordnet, was mich angesichts der 4000-jährigen Technikgeschichte des Menschenflugs stets in Angst und Schrecken versetzt – besonders das Wort: Erlebnisgarten. „Oh, Gott. Hätt das Ikaruneum bloß schon geöffnet" – und dass zugleich dieser Erlebnisgarten einzig Schutzraum bietet gegen das Verrohte und Verschlagene einer ostdeutschen Kleinstadt, deren Einwohnerzahl auf den niedrigsten Stand gefallen ist seit 1875 und deren Enge immerhin so illustre Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie Matthias Schweighöfer, Judith Zander oder Sandro Stallbaum entfliehen mussten. Sie sind Anklam in das öffentliche Leben entflohen. Robert ist Anklam in den Erlebnisgarten Aeronauticon entflohen. Kann ja nicht jeder SS als Initialen haben, was Kindheit und Jugend in Anklam um einiges erleichtert hätte. Kann' auch nicht jeder Fußballspieler werden und in der dritten Liga bei der zweiten Mannschaft von Werder Bremen unterkommen, obwohl die Karriere begonnen hat beim „Armeesportverein Vorwärts Neubrandenburg“. SS, vorwärts Neubrandenburg!

Anklam: Anklam ist eine winzige, eine enge Stadt, in der es bis auf elftausend Ausnahmen, die dort leben, kein Mensch auch nur aushält, mit dem Zug durchzufahren. Auch weil da immer der Empfang abreißt. Eine enge, eine spießige Stadt, und man weiß nicht recht, sie ist wohl ob ihrer Winzigkeit und Enge – immer Ausdruck, immer Fassade der individuellen wie kollektiven Abgründe – irgendwie literarisch ins Gerede gekommen.

Ästhetisch sind ja Ödnis, Spießertum und Winzigkeit Embleme des Wahns – die Totenkopfdivisionen, wie oft hat man darauf hingewiesen, bestanden ja aus ganz normalen Familienvätern – das leuchtet als Bild auch unmittelbar ein. Die bestanden nicht hauptsächlich aus Schwulen oder Kommunisten oder Kinderschändern, was diese Grausamkeiten ja irgendwie erklären würde, sondern aus ganz normalen Familienvätern. Und diese ganz normalen Familienväter, die gibt es in Anklam zu wenig. Hier lebt Robert, mein Neffe, und der ist kein Familienvater, wie ich keine Familienmutter bin, kein Familienvater, was vor allem daran liegt, wie Robert findet, dass Susanne in Berlin lebt und arbeitet. Sie haben sich vorletzten Sommer in Karlshagen getroffen. Sie hat gezeltet. Er hat im Zeltplatzsupermarkt an der Kasse gesessen, immer von neun bis vierzehn Uhr – 4.75, fünf, 25 zurück, bitte, danke – und sie kennen sich von früher. Es war Juli. Ostsee. Da kam dann eins zum anderen, und nun führen sie eben eine Fernbeziehung.

Anklam gibt also ästhetisch nicht nur den Ort verhohlenen Wahnsinns, verdrängter Triebe und uneingestandener Schuld, es bildet den locus amoenus – bevor ich nach der Scheidung von Lorenz Luft Supermarktkassiererin im Netto Weichselstraße, Ecke Sonnenallee wurde, war ich einmal Germanistin, davon dass ich einmal Lyrikerin war, ganz zu schweigen, dazu habe ich ja heute keine Zeit mehr, ich war Germanistin, deshalb ist mir locus amoenus eine stehende Wendung – also Anklam gibt in der aktuellen Literatur den locus amoenus zartester Triebe. Verdrängte Triebe und zarteste Triebe – bei diesem Doppelsinn kommt in mir die Lyrikerin zum Vorschein, der der Doppelsinn alles andere als zufällig in die Tastatur gerät – ähnlich wie Abreisen und Abreißen Lorenz Luft nicht zufällig in seine Tastatur gerät. Der Doppelsinn deckt immer etwas auf, und das Aufdecken schätze ich noch weit mehr als den Doppelsinn selbst, so wie ich den Wahnsinn hinter der Fassade der bloßen Langeweile schätze und aufdecken will, den Wahnsinn sozusagen entlarven will, beispielsweise die Identität von Trieben und Trieben entlarven. Das Sinngedicht ist immer entlarvend. Und die Metapher bloße Ideologie. Oder besser: Sie produziert Ideologie. Sie verblendet.

Und immer geht es um Liebe. Wie es um das Leben einer 52-jährigen Kassiererin im Netto um die Ecke bestellt ist, das interessiert nun wirklich kein Schwein. Das muss mir nicht erst Lorenz Luft sagen, dass das niemanden interessiert und dass ich über Robert und Susanne und über die Liebe schreiben soll und nicht über mich selbst, also einen Erlebnisbericht schreiben, in der meine Kollegen Arschlöcher, meine Fillialleiter Arschlöcher und meine Knie Arschlöcher sind: Wenn man durch Dunkeldeutschland reist, dann reist der Empfang nicht mit, dann reißt der Empfang ab. Oh, Gott. Hätt das Ikaruneum bloß schon geöffnet. Darum geht es. Das muss mir nicht erst Lorenz Luft sagen. Das erlebe ich ja jeden Tag. Ich bin ja nicht doof. „4.75. Fünf. 25 zurück. Danke.“ – Ich bin ja, denke ich dann, auch nur so eine Art Getränkeautomat. – „Macht ma' eener hier 'ne Kasse uff? Klingel' doch ma' oder siehst'e die Schlange nich'?“ – Wenn Netto sich irgendwann einmal vier Verkäufer in der Frühschicht leistet, „dann mach ick hier noch 'ne Kasse uff!“, denke ich. – „Ditt wird hier ooch immer teurer.“ – Ich erfinde die Preise ja nicht an der Kasse. – „Nie gibt’s Rucola.“ – Seh ich aus wie der Zwischenhändler! – Darüber, darüber möchte ich mal was schreiben. Ich möchte mal darüber schreiben, dass mich alle für „Frau Netto“ halten, als wäre das mein Laden, als hätte ich meinem Laden meinen Namen gegeben, als wäre ich, weil ich an der Kasse sitze, wiederum für deren Leben, für deren Laune und deren Einkaufsverhalten irgendwie die angemessene Ansprechpartnerin. Schaffnerin bei der Deutschen Bahn. So muss man sich das vorstellen. Aktives emotionales Verkaufen. Nicht nur bin ich für die Kunden „Frau Netto“, ich bin nämlich auch für Netto „Frau Netto“. Das ist mein Verein. Hier gehör ich hin. Da tu ich alles für. Und weil wir eine richtige „Netto-Familie“ sind, halten wir zusammen. Und genau genommen bin ich noch nicht mal „Frau Netto“, ich bin auch nicht „Tante Emma“ im Netto-Exil, sondern ich bin bloß „Oma Netto“, und das ist wie auf Bewährung draußen.

Natürlich hat Lorenz Luft Recht. Wenn ich aufschreibe, worüber ich mich ärgere, dann ist das Tagebuch, aber keine Literatur, und das entlarvt auch nichts, sondern langweilt bloß. Da ist ja noch nichts zum Kapitalismus gesagt, da ist kein Wort verloren darüber, wie ich in den Netto gekommen bin und was im Netto sein bedeutet, was das heißt, und was das heißt, wenn man da hinter der Kasse feststeckt und alle reden vom guten Leben. Von Fukushima oder von der Liebe. Allen geht es immer um Liebe. Ich schreibe also über Robert und Susanne, weil Lorenz Luft sagt, das ist besser. Weil er sagt, ich muss wieder schreiben. Dass das mir mein Talent, das ich einmal besessen habe, gebietet. Dass meine Selbstachtung mir das gebietet. Ich schreibe also über Liebe, wie ja alle über Liebe schreiben, dabei ist Liebe so ungefähr die Generalmetapher für das, worum es im Leben nicht geht. „Selbstenthüllung“, schreibt Boris Groys in der aktuellen „frietze“ – seltsamer Name ist für eine Kulturzeitschrift, klingt nach Limonade, Kaugummis oder Tiernahrung – „Selbstenthüllung“, schreibt Boris Groys in der „frietze“, „ist schlechte Politik, aber gute Kunst.“

Und ich kann ja davon schreiben, dass ich eine Versagerin bin, dass ich einmal Germanistik studiert habe und dass ich einmal Lyrikerin war, bevor ich Kassiererin wurde; dass ich als Kassiererin die große Liebe erleben durfte; dass ich Kassiererin geworden bin, weil Lorenz Luft – der von Abreisen und Abreißen schreibt – der Meinung war, das geböte meine Selbstachtung, dass ich nicht von seinem Geld lebe nach der Scheidung, dass ich mich selbst ernähre. Die Liebe. Wir waren zwanzig Jahre verheiratet, und ich tue immer noch alles, was er sagt, und aus einem Grund, den ich mir nicht recht einsichtig zu machen weiß, liegt er immer richtig. Das ist immer richtig, was er sagt. Ich lebe nicht von seinem Geld nach der Scheidung, weil ich eine handlungsfähige Frau bin und weil das Ganze für ihn finanziell natürlich ungemein praktisch ist. Er steckt mir aber gern was zu, wenn ich was brauche, sagt er. Er ist für mich da.

Also, die Liebe, der Robert und die Susanne:

„Du, sag mal, gibt’s die auch in blau?“ Das war der erste Satz, den Susanne zu ihm gesagt hatte. In dem kleinen Supermarkt, der zum Zeltplatz gehörte. Da arbeitete er nämlich die Semesterferien. Sie hielt einen Doppelpack rosa Spangen in der Hand. Diese Spangen würde sie nicht tragen, um keinen Preis der Welt, nicht in blau, rosa oder in irgendeiner Farbe. Kleine Delphine. Bestimmt. „Ich hab dich gestern schon über den Zeltplatz laufen sehen,“ das sagte sie auch. Dass sie das sagte, das war damals, vor zwei Jahren. Sommer. Drei Wochen Karlshagen. Sie im Zelt mit einer Freundin. Und um neun fing seine Arbeit an, bis um zwei im Supermarkt, dann Mittagspause bis vier, dann Müll und am Ende Pforte bis zehn. Das war sein Tagesablauf. Er schlief bei ihr – die Freundin war längst umquartiert – er ging, bevor sie wach wurde zur Arbeit, in der Pause holte sie ihn ab für den Strand und abends Feuermachen. Vielleicht waren sie überhaupt zusammengeblieben, weil dieser Sommer wie ein Traum gewesen war, wie eine Wahrheit, an der man unbedingt festhält, weil man ihr Nichtsein keinen Augenblick ertragen könnte.

Heute war Freitag. Sie sahen sich jedes zweite Wochenende. Abwechselnd beim anderen. Einmal Anklam. Einmal Berlin – wobei er diese Stadt, ihre Lautstärke, ihr Gedränge und die Unabsehbarkeit ihrer Ausmaße insgeheim als Zumutung empfand. Wer auch nur einmal nachts mit den Besoffenen in der N7 die Sonnenallee hochgefahren war, wusste, dass diese Stadt von niemandem ablassen würde, bis sie Physis und Psyche nicht vollkommen zerrüttet hatte. Um ihretwillen nahm er diese Stadt ja hin. Um ihretwillen hätte er die Stadt ja für immer hingenommen. Ging aber nicht anders. Seine Eltern Ende siebzig. Ihr Haus und ihr Garten in Ducherow. Die brauchten wen. Und er hatte Arbeit. Gärtnerei Stallbaum. Wenn ein Gärtnerjob vielleicht auch nicht gewesen war, was er sich nach dem Studium – Landschaftsarchitektur an der Fachhochschule in Neubrandenburg – was er sich nach dem Studium gewünscht hatte; so war das nun mal.

Er blinzelte ins Morgenlicht, sah auf das Handy, atmete tief durch und war dann schon aus dem Bett. Beim Kaffeekochen rauchte er die erste Zigarette. Ostseewelle. Lokalradio. Demnach würde es ein schöner Tag heute, 18, 19°. Sonnenschein. Da gab's dann viel zu tun, war ja Mai. Freitags konnte er schon früher los, so ab eins, egal welche Jahreszeit – dafür blieb er dann den Rest der Woche länger. Heute Tagetes pikieren für den Verkauf. Später waren die Tomaten dran, die umgepflanzt und angebunden werden mussten. Die Tomaten waren so ein merkwürdiges Hobby, mit dem Sandro vor Paar Jahren angefangen hatte. Sandro, der betrieb die Gärtnerei. Die Tomaten gingen dann im Sommer gut. Vor allem, wenn sie einen Teil im Gewächshaus ließen und ab Anfang Juli an die Gemüsehändler verkauften. „Barther Tomaten“ hieß das dann. „Anklamer Tomaten“ klang bloß scheiße. Tomaten. Brachte nichts.

Er aß noch schnell ein Brot im Stehen. Nachher, nach der Arbeit müsste er unbedingt die vielen Bierflaschen aus seiner Wohnung schaffen, einkaufen, sauber machen, Bett beziehen. Dann, wenn Zeit blieb, etwas kochen. Sie käme einundzwanzig siebenvierzig, und er holte sie vom Bahnhof ab. Sie hatten die Verabredung, dass sie sich meldete, wenn sie mit dem Zug durch Jatznick fuhr. Dann wusste er, dass es beim Freitag blieb, dass sie also rechtzeitig aus dem Büro herausgekommen war, dass sie den Zug geschafft hatte. Und Jatznick – die sechzig Minuten danach war kein Empfang. „Wenn man durch Dunkeldeutschland reist, dann reist der Empfang nicht mit, dann reißt der Empfang ab,“ sagte sie manchmal aus Spaß. War sie alles nicht gewohnt.

„Muss es erst regnen, damit Sie wieder lachen?“ Das hat mich neulich eine Kundin im Netto an der Kasse gefragt. Ich kenne diese Frau gar nicht. Und natürlich muss es regnen, damit ich wieder lache. Ich kenn die nicht. Die kann ja oft einkaufen im Netto, in dem ich arbeite. Ich kenne diese Frau trotzdem nicht. Ich kenne keinen, der im Netto einkauft, und ich soll auch keinen kennen, der im Netto einkauft. Die Kunden kennen mich, aber ich kenne nicht die Kunden. Ich schau ja nur auf die Produkte, die ich scanne, und ich schaue auf das Geld, das ich entgegennehme. Aber nicht auf die Kunden. Das ist wichtig, dass ich richtig scanne und dass ich aufs Geld schaue, damit es danach keine Diskussionen gibt. Ich habe eine Sachbeziehung. Ich habe keine persönliche Beziehung. Das ist Kapitalismus. Ich sage: „Siebzehn achtunddreißig.“ Dann wird mir ein Zwanziger gegeben. Den lege ich auf die Tastatur und gebe dann das Wechselgeld heraus. Wenn die Kundin dann sagt: „Nee, nee, da krieg ich nich nur zwei zweinsechzig wieder. Ich hab ihnen doch nen Fuffi gegeben.“ – „Fuffi“. Wenn ich das Wort „Fuffi“ höre, könnte ich den Menschen, der es spricht, würgen. Das ist wie ein Pawlowscher Reflex, und dabei höre ich andauernd und ununterbrochen das Wort „Fuffi“. Das stellt eine so seltsame, sich aber gleichzeitig in ihrer Verlogenheit desavouierende Vertraulichkeit her, dass ich würgen und schlagen wollte. Fuffi! Ich glaube, dass die Überwindung dieses Würgereflexes beim Wort „Fuffi“ mich am meisten Kraft auf der Arbeit kostet, aber wie dem auch sei – wenn also die Kundin sagt: „Nee, nee war ja n Fuffi.“ Dann kann ich antworten: „Nee, nee war n Zwanni.“ Und hebe den Zwanzig-Euro-Schein hoch, der zur Vergewisserung noch auf der Tastatur liegt und den die Kundin dabei von der Tatstatur von mir aufgenommen sieht, und die Diskussion ist beendet. Das passiert mir jeden Tag zehn mal, weil die Leute nicht wissen, was sie im Portemonnaie haben, und schon gar nicht wissen, was sie da aus dem Portemonnaie herausziehen.

Am schlimmsten die Kunden, die mir das Portemonnaie hinhalten, damit ich das Geld selbst raussuche. Das fühlt sich an wie Klauen. Am Ende dient noch meine auditive Spiegelung, die ich mir über Jahre mühselig antrainiert habe, dient als Rückversicherung über die Korrektheit des Vorgangs, der sich gerade abspielt: „Das macht 4 Euro 75.“ Mir wird ein Fünfer gegeben. „Fünf Euro“, sage ich dann und: „25 Cent zurück. Bitte. Danke.“ Korrektheit ist alles. Klingt nach fünfziger Jahre, ist heute aber auch nicht anders, nur heute wird das peinlich verschwiegen, dass Korrektheit alles ist. Alles, worüber man sich in Anbetracht der 50er lustig macht, wird heute verschwiegen. Zum Beispiel Korrektheit. Immer die Angst vor dem einen Fehler, vor einem Fünfzig-Euro-Schein, auf den ich herausgebe, der aber tatsächlich ein Zwanzig-Euro-Schein gewesen ist, vor dem Zwanziger, der ein Fünfziger gewesen ist. Übrigens auch Angst vor gefälschten Banknoten, die ich angenommen habe. Ist albern – hab ich Angst vor. Muss es erst regnen, damit Sie wieder lachen? Ja, muss regnen. Ich lach nur, wenn's regnet. Und dann: „Ich möchte, dass wir uns in meinem Büro sehen, Frau Luft. Frau Luft, Frau Mitdank löst Sie jetzt gleich an der Kasse ab, also 13.30 Uhr, also in 25 Minuten, also gleich. Ich schlage vor, Frau Luft, dass sie dann im Pausenraum durchatmen und Pause machen, und danach sehen wir uns bitte im Büro, Frau Luft!“

Anklam: Der Tag in der Gärtnerei konnte gar nicht schnell genug zu Ende gehen. Sandro ließ ihn sogar eine halbe Stunde früher fort. Heute hatte er sich irgendwie die Nase und die Ohren verbrannt. Das konnte ihm Frühling mal passieren, wenn es die ersten Tage sonnig war. Später tatsächlich alles erledigt. Am Ende lagen sogar zwei Dorschfilets im Backofen, der nur noch angeschaltet werden musste. Dazu Brot. Vielleicht. Und dann am Bahnhof: Im Mai waren die Abende ja bereits hell, so ein durchsichtiger weißer Himmel. Schwalben. Hoch oben. Seine Mutter sagte dann immer, dass das Wetter morgen schön würde. Es roch nach dem Holunderbusch am verwahrlosten Bahnhofsgebäude – also ranzig und nach Katze, aber irgendwie nach Sommer. Die Lampen gingen gerade an, und er dachte an morgen. Morgen früh hätten sie Sex – freitags war sie meist zu müde. Das war halt so. Fand er am Ende OK. Sonst stritten sie wieder, und das Wochenende wurde scheiße. Das kannte er ja schon. Und dann: Dann dachte er an ihre Haare. An den Geruch ihres Mundes nach dem Schlaf. Ihre Brüste. An ihr Stöhnen. Ihm wäre es ja immer einerlei, ob Freitag war, ob die Woche aus 60, 80, 100 Stunden Arbeit bestanden hatte, ob er geschlafen, ob er Hunger hatte, ob er traurig gewesen war. Das war alles egal, wenn sie auf ihm saß und sich zu ihm herunter beugte. Abends dann würden sie vielleicht noch Freunde treffen. Da konnte er sie den anderen zeigen. Das Merkwürdige war nämlich, nicht nur wollte er sie zeigen, er wollte sich selbst mit ihr zeigen. Er war tatsächlich witzig und unterhaltsam, wenn sie dabei war, und das konnte er sein, weil sie selbst witzig war und unterhaltsam und weil sie über seine Scherze lachte. Das war, wenn er einmal aufrichtig mit sich selbst sein wollte, alles andere als selbstverständlich, dass jemand ihn witzig fand. Meistens langweilten sich die anderen mit ihm, und er langweilte sich auch. Sonntags dann würden sie ausschlafen. Später lesen und was reden oder für den Nachmittag bei gutem Wetter noch einmal hinausfahren. Zum Beispiel für ein Picknick oder ins Aeronauticon. Abends war sie weg. Aber da war ja noch viel Zeit hin. War ja erst Freitag.

Interessanterweise korrespondiert die Liebe nicht nur zu einem Aufklärungsbedürfnis – in einer Liebesgeschichte suchen die Beteiligten ja immer danach, was eigentlich geschehen ist; was alle Beteiligten gemeint haben, wenn sie sprachen; was sie gewollt haben mit dem, was sie sprachen; und ob es nicht hat sein können, dass sie gar nicht wussten, wovon die Rede war. Da kommt es dann am Ende zu fantastischen Ideen, wenn das Verhalten des anderen nur noch als ein Rätsel erscheint. Zum Beispiel: Noch viele Jahre nach der Scheidung hab ich mich gefragt, weshalb Lorenz Luft sich mit einer solchen Treue und Fürsorge um mich müht – mich da auch immer gefragt, ob ihn erotische oder nur nostalgische Gefühle antreiben. Was will der? Spät habe ich begriffen: Ich bin seine Mutter. Deshalb ist meine Selbstachtung seine Aufgabe, das ist die Aufgabe, die ich ihm erteile: Räche mich!

Interessanterweise korrespondiert die Liebe nicht nur zu einem Aufklärungsbedürfnis, sie korrespondiert zu einem tief in uns angelegten Wunsch nach Lüge und Unwahrheit. Deshalb geht es in der Liebe scheinbar um Selbstachtung. Darum verträgt die Liebe keine Kunst. „Der Künstler“, schreibt Boris Groys in der „frietze“, „ist ein professionelles Subjekt – im Gegensatz zu allen anderen.“ Und die vollständige Aufgabe des Privateigentums wäre Voraussetzung zu unser umfassenden Subjektivierung. Ich bin Netto-Verkäuferin. Ich bin es nicht gerne, und ich bin es ohne Stolz, aber umfassend subjektiviert und professionell, was mich in dieser Logik irgendwie zu einer Künstlerin macht, zu einer lieblosen Künstlerin. 4.75. Fünf. 25 zurück. Bitte. Danke. Ich bin ein professionelles Subjekt, und die Aufhebung des Privateigentums finde ich insofern interessant, als Lorenz Luft dann seine Handbibliothek verlieren würde, seine verschissene Handbibliothek, die ihm so richtig ans Herz gewachsen ist, die genau genommen sein einziger Bezug zur Welt ist, die seine Selbstachtung ist. Die wäre dann weg. Ist ja sowieso nur ein anderes Wort für Subjektivierung. Seine und meine.

Also denn: Es war ein langer Tag gewesen für Robert. Viel zu tun. Erst arbeiten, dann die Wohnung aufräumen, sauber machen, einkaufen und zum Schluss die Bierflaschen wegbringen (sie sollte nämlich nicht merken, wie viel er soff) – ein strammer Zeitplan – klappte alles. Alles erledigt. Er stand am Bahnhof und wartete. Der helle Himmel. Der Holunderbusch. Er wartete. Er dachte an morgen. Er wartete. Der Zug fährt ein. Zwei, drei steigen aus. Sie nicht. Ich will das nicht verharmlosen – mir wird oft Verharmlosung vorgeworfen und fehlende Empathie – dass ich nicht ermessen kann, was ein solcher Einschnitt bedeutet. Kann ich nicht. Kann ich nicht ermessen, und das interessiert mich auch nicht. Um ehrlich zu sein: Ja, da ist ihm der Erlebnisgarten einmal ordentlich vermiest. Sein Spielzeug aus der Hand geschlagen. Find nichts dran. Braucht er. Später dann muss Robert verstehen, ist er am Boden zerstört und weiß wirklich nicht weiter. Geht dann aber doch.

Robert schläft jetzt mit Helga, deren Ehemann als Hausmeister in der Zuckerfabrik arbeitet und nachts als Security Guard um die Silos streift. Sie ist zweiundfünfzig, dick und verlebt, und gerade das findet Robert so besonders pervers und deshalb so besonders aufregend. Seinen Freunden will er Helga nicht vorstellen, obwohl sie über seine Witze lacht. Das ist ja nicht mehr wichtig. Anderes ist wichtiger in seinem Leben. Er ist jetzt reifer. Susanne wiederum hatte die letzten Monate schon jemand ander's, einen dunklen, einen dicken, haarigen Mathematiker, 35 Jahre alt, vor zwanzig Jahren verwaist, der an der Uni Vektorrechnung für Erstsemester lehrt. In jeder Hinsicht ein Tier. Und sie liebt die fantastischen Welten, die er bewohnt. Die will sie verstehen. „Oh, Gott. Hätt das Ikaruneum bloß schon geöffnet.“ Wenn sie die fantastischen Welten versteht, dann kann er normal werden. Ein fröhlicher Mensch. Dann heilt sie ihn.

31Mrz/110

Kleiner Turm und so weiter: Die Fortsetzung

Und natürlich geht die Sache mit dem kleinen Turm und den großen Glocken weiter, die sich übrigens hervorragend mit KTGG abkürzen lässt, was mich wiederum an TKKG erinnert (rein phonetisch).