Cock a Leekie

22Jun/101

An die delikatessen sich schmiegen…

und dann war das letzte Bier mal wieder schlecht...


erst habe ich mich umgebracht.
dann bin ich wieder aufgewacht.

dann habe ich mich umgebracht.
dann bin ich wieder aufgewacht.

dann habe ich mich umgebracht.
dann bin ich wieder aufgewacht.

dann habe ich mich umgebracht.
dann bin ich wieder aufgewacht.

dann habe ich mich umgebracht.

Ernst Jandl

27Mai/100

VERSTIMMUNG

Vielleicht ist es meine Prüfungsvorbereitung, vielleicht dieser Mai, vielleicht meine Erkältung - ich weiß es nicht. Aber mich hat bei meiner Lektüre eine Textstelle in Krachts "Faserland" beschäftigt, die mir vorher nie aufgefallen war. Genau genommen hat sie mich ziemlich getroffen, was ich mir gar nicht erklären kann, aber am Ende versucht man es ja doch...

Wie funktioniert das nun eigentlich, wenn man sich an jemanden wendet, den man nicht kennt, obwohl oder gerade weil man den Menschen nicht kennt, aber das Bild - obwohl oder gerade weil es sich um eine Hülle handelt, Projektion, Gefäß? Wie entsteht dieses symbolisch aufgeladene Bild und was heißt dann das Denken dieses Bildes?

"Also, ich rauche meine Zigarette, die mir gar nicht gut schmeckt, und ich merke, daß ich eigentlich hundemüde sein müßte, weil ich ja diese Nacht nicht geschlafen habe, aber komischerweise fühle ich mich überhaupt nicht müde, sondern völlig wach, so als ob ich die Müdigkeit schon überwunden hätte, und ich drücke den Service-Knopf, und als die Stewardeß kommt, bestelle ich einen Kaffee und einen Bourbon, obwohl es erst acht Uhr morgens ist. Ich denke weiter an Isabella Rossellini, eigentlich lasse ich meine Gedanken über Isabella gleiten, wenn man das so sagen kann. Ich meine, ich berühre sie nicht, ich denke auch nicht direkt an sie, sondern lasse sie am Rand meiner Gedanken auftauchen, ohne ihr näherzutreten oder mit ihr zu sprechen, ohne sie anzusehen."

(Kracht, Faserland)

8Mai/100

AN DIE HALTLOSIGKEITEN…

Krokus, vom gastlichen

Tisch aus gesehn:

zeichenfühliges

kleines Exil

einer gemeinsamen

Wahrheit,

du brauchst

jeden Halm.

Paul Celan

16Apr/101

KEINE DELIKATESSEN!

Eine Freundin von mir hatte heute eine Zahn-OP und da ich mich eigentlich auf eine Prüfung vorbereiten muss (stattdessen aber prokrastiniere), habe ich den ganzen Tag damit verbracht, ihr ein Gedicht zu schreiben, um sie aufzumuntern. Übrigens, die Pfeile auf der Abbildung zeigen die Stellen, an denen sie operiert wurde:

Der Zahn

ist ein lustiges Organ.

Und wenn er einmal Nerven zeigt,

bist du ihm nicht zugeneigt.

6Apr/100

ROLAND, der zweite

Auf Wunsch eines Asphalt-Cowboys - das Gegengift, antidote, pharmakon...

Dämonen

3. Wie vertreibt man einen Dämon (altes Problem)? Die Dämonen, vor allem, wenn sie sprachlicher Herkunft sind (und was wären sie sonst?), werden mit Mitteln der Sprache bekämpft. Ich darf also hoffen, das dämonische Wort auszutreiben, das mir (von mir selbst) eingeflüstert worden ist, wenn ich es (vorausgesetzt, ich habe das Sprachtalent dazu) durch ein anderes, friedfertigeres ersetze (ich greife zur Euphemie). Nämlich so: ich glaube mich endlich der Krise entronnen, und da werde ich auch schon - unter dem Einfluß einer langen Autofahrt - von uferloser Redseligkeit übermannt, ich höre nicht auf, mich in Gedanken an den Anderen, im Verlangen nach ihm, in der Sehnsucht, in der Aggression ihm gegenüber zu ereifern; und ich bin gezwungen, über diese Wunden hinaus entmutigt konstatieren zu müssen, daß ich einen Rückfall erleide; aber das französische Vokabular ist ein wahres Arzneibuch (einerseits Gift, andererseits Heilmittel): nein, das ist kein Rückfall, das ist lediglich ein letztes Zucken des vorigen Dämons.

(Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe)

4Apr/102

ROLAND

Der Unheilbare

4. Es gibt zwei Arten von Bejahung der Liebe. Am Anfang, wenn der Liebende dem Anderen begegnet, steht zunächst die unverzügliche Bejahung (psychologisch: Betörung, Begeisterung, Überschwenglichkeit, verrückte Projektion einer beglückten Zukunft: ich werde vom Verlangen, vom Zwang verzehrt, glücklich zu sein): ich sage zu allem ja (und mache mich damit blind). Es folgt ein langer Tunnel: mein erstes ja wird von Zweifeln untergraben, die Liebe als Wert ist unaufhörlich von Entwertung bedroht: das ist der Zeitpunkt der traurigen Leidenschaft, der Heraufkunft von Ressentiment und Opfer. Aus diesem Tunnel kann ich jedoch wieder auftauchen; ich kann ihn "überwinden", ohne ihn zu beseitigen; was ich ein erstes Mal bejaht habe, kann ich von neuem bejahen, ohne es zu wiederholen, denn was ich dann bejahe, ist die Bejahung, nicht die Zufälligkeit: ich bejahe die erste Begegnung in ihrer Differenz, ich will ihre Wiederkehr, nicht ihre Wiederholung. Ich sage zum (alten oder neuen) Anderen: Beginnen wir von neuem.

(Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe)

29Jan/100

NACHHILFE III

"copying is not theft":

29Jan/100

OTAKU

Seit gestern habe ich einen neuen Mitbewohner. Der hat mir nun vorgeschlagen, dass ich etwas posten soll zum Unterschied zwischen nerd und geek. Mmh... Ich nehm das durchaus nicht persönlich. Ehrlicherweise kann ich dazu nicht so besonders viel beitragen - das scheint ja was zu tun zu haben mit Expertise und unsozialem Verhalten (ich bin eher supersozial und hab keine Ahnung).

Frau B., die Witwe von Herrn S., wirft gerade das Wort "wirklichkeitsfern" in die Runde. Sie isst nämlich Leberwurstpralinen (ja, wirklich, die gibt's in der Lebensmittelabteilung von Karstadt), lässt's sich also richtig gut gehen und löst dabei Kreuzworträtsel. Also: "wirklichkeitsfern, acht Buchstaben".[_TOP_ _ _H] Ich dachte zuerst an STOPNICH, aber - ja genau: UTOPISCH.

Sind also freaks, nerds, geeks Utopisten? Und hier wirds schwierig. Es gibt scheinbar verschiedene Formen, sich der Wirklichkeit zu entfremden. Ist einer, der auf die klassenlose Gesellschaft abzielt, ein Freak? Ja, irgendwie schon. Ein Geek? Weniger. Nerd: Auf keinen Fall. Und genauso in Fragen der Liebe. Freaky love - fancy, sticky love. Das Interessante ist nicht so sehr die Kategorisierung sozialer Devianzen, sondern dass die Parallelisierung von Wirklichkeitsferne und Utopie irgendwie nicht stimmen kann.

Die Science-Fiction-Literatur des 20. Jahrhunderts bearbeitete wesentlich das Thema der Dystopie - also die Struktur der (zukünftigen) Katastrophe. Ein aktuelleres Beispiel dafür ist McCarthys "The Road" von 2006, zu Deutsch bei Rowohlt erschienen:

"Der Tag nicht über sich selbst hinausweisend. Die Stunde. Es gibt kein Später. Das ist das Später. Alles Anmutige und Schöne, das einem am Herzen liegt, hat einen gemeinsamen Ursprung im Schmerz. Wird aus Trauer und Asche geboren. So, flüsterte er dem schlafenden Jungen zu. Ich habe dich."

Die Dystopie ist nun aber nicht einfach das Gegenteil der Utopie, sie bildet vielmehr eine Unterkategorie. Nun würde es niemandem ernstlich einfallen, den Inhalt eines Romans wirklichkeitsfern zu nennen. Aller Realismusdebatten des 20. Jahrhunderts zum Trotz ist die faktische Wirklichkeit oder die Nähe oder auch nur die Liebe zur Wirklichkeit ja kein valides ästhetisches Kriterium, mit dem sich bestimmen ließe, was ein Roman in uns auslöst, anstößt - was er uns sagt. Der Roman ist der symbolischen Textur einer Welt sogar da am nächsten, wo er ihrer Faktizität den Rücken zugewendet hat: Was hab ich auf dieser Galeere zu suchen.

Eine Utopie zu haben, zu denken, zu entwickeln, besteht eben genau darin: Der banalen Faktizität, dem Reich der Notwendigkeit, der Ananke den Rücken zuzukehren. Und wir - jedeR von uns - arbeiten bereits jeden Tag daran , dass ein Bild unseres Selbst die Wirklichkeit berührt, dass wir selbst mögliche sind und unser Mögliches real.

Jenseits einer irgendwie ästhetischen Arbeit, lässt sich also nach dem Utopischen des Alltags fragen. Und da ist doch eine Sache auffällig. Es hat  sich irgendwie ergeben, dass die  pessimistisch gesinnte Prophetie ("Der Untergang des Abendlands") aus einem Grund, der wohl sehr viel mit der Frustrationserfahrung moderner Subjektivität zu tun haben mag, irgendwie landläufig als glaubwürdiger gehandelt wird. Der Untergang erscheint als eine Bestrafungsphantasie, die im Subjekt zugleich die Lust freisetzt.

Wenn das Utopische also unsere alltgliche Erfahrung ist, dass ein Mögliches die Wirklichkeit berührt, und wenn das Utopische die Unmittelbarkeit der Lust in einem Feld der Frustration bedeutet (also das Gegenteil des Untergangs), dann zeigt sich auch, dass die Idee der Wirklichkeit eine unmittelbar politische ist. Die Wirklichkeitsferne des Utopischen ist dann selbst nur eine Unterkategorie der Utopie. Und der Utopist mag nun ein freak sein, geek oder nerd. Er führt auf jeden Fall ein verdammt anstrengendes Leben.

Und hier, a propos Anstrengung:

26Jan/101

YES

Britney

25Jan/100

NACHHILFE II

Nun gut - mein Steckenpferd der Nachhilfe ist Deutsch. Deutsch für alle Altersklassen, aber ganz bescheiden, wähle ich mein Material aus der Süddeutschen erst mal für die Klasse 8. Also: Interpretationshilfe, Deutsch, Lyrik der Jahrtausendwende. Frage: Wer oder was ist hier das lyrische Ich?

Man beachte bitte zunächst an dieser Todesanzeige für Frau Hasemann, dass ihre "Vizetöchter" (Ich kenne Vizepräsidenten, Vizeweltmeister etc. - Wie kann man bitte das Vizekind von jemandem sein, und was zum Henker treiben die richtigen Kinder gerade, wenn ihre Stellvertreterinnen sich um den Beerdigungskram kümmern müssen?) - dass also die "Vizetöchter" besonders Würde und Disziplin der Toten loben. Was hat man sich nun unter einer undisziplinierten und sich würdelos gebärdenden Leiche vorzustellen? Eben!

Und es wird noch interessanter: Da zitieren sie also den Eichendorff und seine "Mondnacht". Wer oder was ist hier - ich fragte schon danach - das lyrische Ich? Wir können nur hoffen, dass Babs und Wendy sich selbst meinen und ihrer unendlichen Sehnsucht nach der Vizemutter Ausdruck geben wollten. Ansonsten bliebe noch die Gertraud selbst. Babs und Wendy wünschen wohl, dass ihre Seele durch die stillen Lande fliegt - diszipliniert und würdevoll, am besten dahin, wo sie als Seele hingehört: Gott sei bei uns!

Résumé: Ein weiterer Fall von symbolischem Exorzismus. Und da wären wir auch schon wieder beim Religionsunterricht.