Cock a Leekie

17Jun/100

WIR ZAHLEN NICHT FÜR EURE KRISE

Zu der Demo am Samstag "Wir zahlen nicht für Eure Krise" und dem Splitter-Bomben-Vorfall gab es am 16.06. eine aktuelle Stunde im Bundestag. Dazu hat der Deutschlandfunk in den "Informationen am Mittag" ein Interview durchgeführt mit Wilfried Albishausen, der irgendwie mit dem "Bund deutscher Kriminalbeamter" verschwistert ist. Das Interview führte Gerwald Herter.

Das Ganze empfinde ich als höchst beunruhigend. Ich finde es erstaunlich, dass kurz nach zwölf Uhr mittags als erster Aufmacher beim DLF Fragen diskutiert werden, wie sicherheitstechnische Prävention präzesiert werden kann und was an der Polizeiarbeit falsch oder schief läuft, dass man die linken Schurken nicht kriegt. Aber hier der Beitrag:

Gerwald Herter: Ein Bombenanschlag im  Rahmen einer Demonstration, das klingt nach einer neuen Dimension der  Gewalt. Der Bundestag wird deshalb in Kürze am Nachmittag in einer  aktuellen Stunde über den Linksextremismus in Deutschland debattieren.  Am Samstag waren bei Protesten gegen den Sozialabbau in Berlin mehrere  Polizisten durch eine Splitterbombe verletzt worden. Der bayerische  Innenminister Joachim Herrmann (CSU) spricht deshalb von einem Comeback  des linken Terrors. In einem Interview sagte er, dass die "Chaoten"  sicherlich auch vor einem Mord nicht zurückschrecken. Muss man davon  tatsächlich ausgehen? Dazu nun Einschätzungen von Wilfried Albishausen  vom Bund Deutscher Kriminalbeamter. Mit ihm bin ich verbunden. Guten  Tag, Herr Albishausen.

Wilfried  Albishausen: Einen schönen guten Tag!

Herter: Herr Albishausen, bei Demonstrationen  werden Projektile mit Präzisionszwillen verschossen, Molotow-Cocktails  auf Polizisten geworfen. Hat es Sie da überhaupt noch überrascht, dass  nun Splitterbomben zum Einsatz kamen?

Albishausen:  Natürlich darf man immer noch überrascht sein bei einer derartigen  Eskalation von Gewaltanwendungen. Gleichwohl muss man allerdings davon  ausgehen, dass dieses linke Spektrum - und da handelt es sich ja  zweifelsohne um Straftäter - entsprechende Bauanleitungen, entsprechende  Strategien entwickelt haben, um ganz gezielt Polizeibeamte zu treffen,  und hier muss man ganz deutlich von Tötungsversuchen sprechen.

Herter: Worauf ist diese Eskalation  zurückzuführen bei dieser Demonstration, oder rechnen Sie damit, dass  jetzt generell solche Vorfälle berücksichtigt werden müssen, dass sich  die Polizei darauf vorbereiten muss, dass Splitterbomben eingesetzt  werden?

Albishausen: Nun muss man  sich selbstverständlich auf solche Dinge vorbereiten, wenn es denn  einmal zur Anwendung gekommen ist. Ich glaube, es ist eine  Eskalationsentwicklung eingetreten, die letztlich auch darauf  zurückzuführen ist, dass die Polizei über viele Jahre eine sogenannte  Deeskalationsstrategie entwickelt hat, also sozusagen Demonstrationen  auch mit Gewaltanwendung (natürlich anderer Qualität) einfach mal so  laufen zu lassen, und letztlich zu wenig darauf geachtet hat, diese  Straftäter zu identifizieren und letztlich auch zu justiziellen  Sanktionen zu bringen.

Herter: Die  Befürworter einer Deeskalationsstrategie bei Demonstrationen  reklamieren Erfolge für sich. Erkennen Sie diese an?

Albishausen: Nein, ich glaube nicht, denn wir  sehen angesichts zunehmender Gewaltanwendung nicht nur in Berlin,  sondern auch in Hamburg eine deutliche Entwicklung zur Gewaltanwendung,  und ich glaube, man muss ganz deutlich sagen: hier handelt es sich um  linksextremistische Straftäter, die auf nichts anderes aus sind als auf  Gewaltanwendung innerhalb von Demonstrationen, die ja die Bürger im  Grunde genommen aufgrund unseres Grundgesetzes in friedlicher Absicht  durchführen. So steht es ja im Grundgesetz. Aber diese Leute suchen die  Gewaltanwendung und deswegen muss man auch mit anderen Mitteln und  anderen Strategien auf diese Gewaltanwendung reagieren.

Herter: Hat man in Deutschland Entwicklungen im  Bereich des Linksextremismus jahrelang übersehen und unterschätzt?

Albishausen: Ich glaube schon, wobei man  natürlich auf der einen Seite auf dem einen Auge nicht blind sein darf,  während man auf dem anderen Auge etwas genauer hinsieht, also was den  rechtsextremistischen Bereich anbelangt. Aber ich glaube schon, dass man  die Entwicklung innerhalb dieser Demonstration, aber auch anderer  Auftritte bei anderen Veranstaltungen außerhalb von Demonstrationen im  linksextremistischen Lager unterschätzt hat.

Herter: Der Verfassungsschutz, die  verschiedenen Behörden in Deutschland scheinen die NPD zum Beispiel ja  geradezu durchdrungen zu haben, deshalb die Probleme mit dem Verbot.  Gilt das für linke Organisationen nicht?

Albishausen:  Vielleicht ist es da etwas schwieriger, sozusagen mit verdeckten  Ermittlungen einzusteigen. Was aber auch ein ganz wesentlicher Aspekt  ist, dass beispielsweise zu wenig bei Demonstrationen, ich sage mal,  genauer hingeschaut wird, diese Täter ermittelt werden, auch aus diesen  Gruppierungen herausgeholt werden. Wir haben ja vielfach die  Diskussionen auch im rechtlichen Bereich gesehen um Einkesselung,  Formulierungen wie Einkesseln, wie Einschließen. Also ich glaube schon,  die Polizei muss hier wesentlich offensiver vorgehen, diese  Gruppierungen aus Demonstrationen herausnehmen, diese Personen  identifizieren, die Beweisführung wesentlich verstärken, und letztlich  dann auch die Justiz. Die muss dann natürlich mitziehen und auch zu  Verurteilungen kommen. Wenn wir diese Leute kennen, können wir auch  entsprechende Strategien im Vorfeld, Ermittlungen im Vorfeld,  durchführen, die solche Taten zumindest deutlich minimieren können, wenn  nicht gar verhindern.

Herter: Was  wäre von Seiten der Politik notwendig?

Albishausen:  Da hängt natürlich auch Personal, da hängen auch Personalfragen dran.  Sie müssen davon ausgehen, bei solchen Demonstrationen, die ja nun  flächendeckend oft in Deutschland stattfinden, sind unsere  Hundertschaften im schutzpolizeilichen Bereich ständig unterwegs. Das  heißt, man hilft sich untereinander aus in den Bundesländern. Aber auch  Kriminalisten und Kriminalbeamtinnen und Kriminalbeamte sind sozusagen  dahinter in sogenannten Festgenommenen-Sammelstellen tätig und die  warten im Grunde genommen auf festgenommene Personen, damit man sich um  sie aus strafrechtlicher Sicht, aber auch aus gefahrenabwehrender Sicht  besser kümmern kann, und ich glaube, das wäre der richtige Weg. Also  Personal hängt dahinter, aber auch die Einsatzstrategie. Wir dürfen  nicht mehr laufen lassen und nur gelegentlich verhindern oder  zurückdrängen; das ist ein Spiel, wo diese linksextremistischen  Straftäter nur darauf warten und sich regelmäßig wieder bei neuen  Demonstrationen einfinden. Wir müssen verhindern, dass diese Leute  friedliche Demonstrationen von Bürgerrechtsorganisationen oder auch  aller anderen Art unterwandern, zerstören und damit das Grundrecht auf  Demonstrationsfreiheit ganz empfindlich infrage stellen. Das ist ja ein  ganz wesentlicher Aspekt unserer Demokratie, unseres Rechtsstaates, dass  man friedlich demonstrieren können muss, ohne Gefahr zu laufen, dass  solche Straftäter solche Demonstrationen missbrauchen bis hin zu  Tötungsversuchen an Polizeibeamten.

Herter:  Was ist denn mit härteren Strafen? Die werden ja seit einigen Monaten  ohnehin bereits diskutiert.

Albishausen:  Ja. Das Thema härtere Strafen wird ja immer wieder diskutiert. Ich  glaube, bevor man darüber diskutiert, ob man hier Strafverschärfungen  durchführt, muss man erst mal die Leute zur Verurteilung bringen, und  ich glaube, auch die Justiz ist aufgerufen, aus den vorhandenen  Strafmaßmöglichkeiten das entsprechende auszuschöpfen. Dann wären wir  schon einen ganzen Schritt weiter.

Herter:  Der Bundestag debattiert heute Nachmittag in einer aktuellen Stunde  über den Linksextremismus und Gewalt gegen Polizisten. Das war Wilfried  Albishausen vom Bund Deutscher Kriminalbeamter. Vielen Dank für das  Gespräch.

Albishausen: Nichts zu  danken.
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6Jun/100

JA JA

Nun gut. Es gibt wohl allem Anschein nach eine Sympathiewelle, die über Joachim Gauck zusammenschlägt. Da ist einer, der kann irgendwie reden. Und: Der hat ja was erlebt. Oder? Der bringt was mit, das wohl irgendwie anders ist als ne Parteikarriere, um mal Sigmar Gabriel zu paraphrasieren.

Ich selbst finde Bundesprädsidentenwahlen herzlich egal. Gesine Schwan? Eine andauernde Kukident-Reklame. Horst Köhler? Sparkasse als Prinzip. Und Johannes Rau? Bedauerlich - vor allem für ihn.

Überhaupt - mal abgesehen davon, ob man eine solche politische Ordnung wie die der BRD überhaupt bestrebenswert oder auch nur interessant findet - was ist denn dieses Amt? Irgendwie ein Abonnement aufs Taschentuch. Der Präsident ist ja wenig mehr als der Grüß-August aufm Sommerfest der Bunderegierung.

Und doch - ich geb jetzt ein Bekenntnis ab - freut mich die Kandidatur von Joachim Gauck. Und zwar aus folgendem Grund: Der ist einer, der bezeichnet sich als linken, liberalen Konservativen. Das ist natütrlich albern, aber ich meine, dass er damit eine Idee von Freiheit verbindet - und diese Idee hat etwas mit meiner politischen Sozialisation zu tun (ich komm ausm Osten). Diese Idee von Freiheit ist nämlich nicht die "Freihet des Einzelnen," wie uns Freiheit im Allgemeinen und die Geschichte der "Friedlichen Revolution" im Besonderen gerne gezeigt oder erzählt werden. Freiheit - im Sinne von Gauck - heißt, sich einzusetzen, unbequem sein und Risiken eingehen. Gauck, Freya Klier, Ulrike Poppe, Markus Meckel  und - natürlich - Bärbel Bohley und die vielen anderen haben sich ausgesetzt. Sie sind später mit Glück mehr oder minder weich gefallen. Aber doch, sie haben sich eingesetzt. Das Handeln beginnt womöglich an einer anderen Stelle - dort, wo es auch mir weh tut. Gauck hat sich daran versucht.

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2Jun/101

“Freiheitlich liebende Menschen”

Gerade warte ich auf den Waschmaschinenmonteur - genau genommen warte ich seit Stunden. Und nichts Besseres habe ich mehr zu tun, als mir einen merkwürdigen Video-Blog der SZ anzuschauen: Summa summarum von Marc Beise - seines Zeichens der Leiter der Wirtschaftsredaktion. Nun - der Herr Beise ist promovierter Rechtswissenschaftler und Volkswirt (das wird noch wichtig). Zunächst einmal ist er hier zu sehen, wie er dynamisch das Redaktionsgebäude durchschreitend sein Büro im 23. Stock! betritt. Ein Dagobert-Duck-Zitat scheint dabei irgendwie den Wahlspruch der Redaktion abzugeben (oder des SZ-Verlags? Man weiß es nicht) - "Und es in die Luft zu schmeißen, daß es mir auf die Glatze prasselt". Ähhh - ja!

Nun. Thema des Beitrags ist die Rücktrittswelle, die das politische Personal erfasst hat und - oh Graus, den wirtschaftspolitischen Sachverstand der Republik hinwegspült, dass es dem Herrn Beise ganz Angst und Bange wird.

Man muss, so Herr Beise, als "freiheitlich liebender Mensch" nicht Kochs Ansichten zur Sicherheits- und Innenpolitik teilen, aber wirtschaftspolitischen Verstand, den hat er. Als freiheitlich liebender Mensch - und ich zähle mich dazu - sollte man überhaupt keine Auffassung Kochs teilen, aber nun gut. Besser noch - auch Horst Köhler soll finanz- und wirtschaftspolitisch Angela Merkel beraten haben. Ja. Bestimmt! Man muss nicht wie ich jeden Tag ne Stunde SZ lesen, um zu wissen, dass das Quatsch ist.

Jetzt also perdu der ganze Sachverstand und Marc Beise versucht sich an einer Anordnung, die die übrig gebliebene Connaissance "visualisieren" soll:  622 kunterbunte Mensch-ärger-dich-nicht-Männl, die für die MdBs stehen. Die wiederum sind in Gruppen eingeteilt, die ihrerseits die verschiedenen Berufsfelder repräsentieren. Aus dem Beruf eines Menschen lässt sich nämlich der wirtschaftliche Sachverstand ablesen, wie Herr Beise meint. Nun. Es gibt ja auch Leute, die aus Kaffeesatz die Zukunft deuten, nur arbeiten die für gewöhnlich nicht bei einer großen Tageszeitung. Herr Beise kommt bei dieser Visualisierung zu dem Ergebnis, dass man zunächst die "unselbständig Beschäftigten" in Hinsicht ökonomischer Kundigkeit gleich ganz vergessen kann (gleichwohl er sich selbst dazu zählt). Aber auch die Selbständigen, sofern es sich um Juristen, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater handelt, sind nicht wirklich ernst zunehmen (man erinnere seine Ausbildung!). Übrig bleiben am Ende in Herrn Beises Rechnung 53 MdBs, die "vielleicht einmal selber ein Unternehmen gegründet haben" und deswegen "die Wirtschaft verstehen". Also, für Marc Beise besitzt der oder die wirtschaftspolitischen Sachverstand, der oder die ein Unternehmen führt oder geführt hat. "Die wissen nämlich, dass das Geld nicht aus dem Geldautomaten kommt und so weiter." Und so weiter, ja ja. Friseure, Bäckerinnen und allen voran natürlich Altenpfleger denken nämlich, das Geld kommt aus dem Geldautomaten. Dass man für 1200 netto irgendwie auch zur Arbeit muss, wissen die nicht. Darum sind se ja auch so oft aufm Amt. "Und so weiter".

Diese Logik "wirtschaftspolitischen Sachverstands" ist ungefähr so, als wäre Einstellungsvoraussetzung für einen Onkologen am Universitätsklinikum, selbst schwer an Krebs erkrankt zu sein. Man kann das so halten, muss es aber nicht. "Denken Sie mal darüber nach!", rät der Herr Beise. Nee - besser nicht!

Übrigens - der Waschmaschinenmensch war gerade da. 200 Tacken. Vielleicht hätte ich gleich eine Waschmaschine kommen lassen sollen, und schon hat Marc Beise irgendwie wieder Recht. Und deswegen hier noch der Vlog-Beitrag:

10Mai/100

NOCH ETWAS ZUR DEKADENZ

Ich möchte in diesem Zusammenhang auf einen Beitrag von David Pachali in der Berliner Gazette zu sprechen kommen. Westerwelle-Bashing hatte er sich da zum Thema genommen und die Empörung, die sich gegen „Klientelpolitik“ und ihren vermeintlichen Exponenten Westerwelle Bahn bricht. Pachali erinnert nicht zu Unrecht daran, dass in der repräsentativen Demokratie die Vertretung von Interessen das politische Tagesgeschäft ausmacht. Lobbyismus, gar Interessenvertretung überhaupt zu verurteilen, ist folglich bestenfalls naiv und schlimmstenfalls verlogen. Befremdlich also die allgemeine Ablehnung, die Westerwelle so tagaus, tagein entgegenschlägt. Befremdlich, und doch nicht unverdient, Stichwort: spätrömische Dekadenz. Das Polemisieren gegen die Schwächsten, wie Pachali schreibt, „schickt sich nicht“, und „mehr muss man dazu nicht sagen“.

Was sich in politischen Angelegenheiten schickt und was sich nicht schickt, betrifft keine moralischen Fragen, sondern Fragen des guten Geschmacks. Nun mag man gemeinhin den Geschmack nicht als harte politische Münze nehmen, aber in repräsentativen politischen Gefügen entscheiden diese Geschmacksfragen zuweilen alles. Hannah Arendt hat einmal in diesem Zusammenhang auf Kants transzendentales Prinzip der Publizität verwiesen: „Alle Maximen, die der Publizität bedürfen (um ihren Zweck nicht zu verfehlen), stimmen mit Recht und Politik vereinigt zusammen“ (Zum ewigen Frieden). Das soll heißen, jede Äußerung, jede Unterredung und jede Tat, die sozusagen das „Licht der Öffentlichkeit“ nicht scheuen muss, ja, dessen um ihrer Gelingen willen sogar bedarf, ist rechtens und „schicklich“.

Herr Westerwelle möchte nun die Sozialversicherungssysteme – ja nennen wir es ruhig so – umbauen. Das liegt im Interesse der von ihm antizipierten Wählerschaft, der’s eben nicht genug im Geldsäcklein klingelt, und er versucht dafür allgemeine Zustimmung zu generieren. Folglich schickt sich sein Verhalten sehr wohl. Mehr ist dazu nicht zu sagen? – Eben.

Dieses Verhalten ist schicklich unter den Bedingungen der bürgerlichen politischen Ökonomie, also des Kapitalismus. Pachalis Ansatz eines pragmatischen Liberalismus, der mit den gegebenen politischer Institutionen operiert als Vermittlung der gesellschaftlichen Antagonismen, verkennt, dass es politisch, wenn es „auf Kosten der Schwächsten“ geht, alles andere als irrelevant ist, wer spricht. Gesellschaftliche Interessen stehen sich nämlich nicht äquivalent gegenüber, und ihre Repräsentation ist selbst ein „Regime des Sinnlichen“ (Jacques Rancière), aus der das Unrecht systematisch ausgeschlossen ist. Das politische Tagesgeschäft der Interessenvertretung besteht also darin, die „Interessen der Schwächsten“ einerseits zu konstituieren und andererseits zu delegitimieren, zu sagen, die Ungerechtigkeit, ja das Unrecht sind gar nicht vorhanden. Und da schließt sich der Kreis, denn wer bestrebt schließlich etwas anderes als ihm oder ihr zusteht? Das artikulierte bzw. repräsentierte Interesse selbst ist immer rechtens und jeder erhält, was er verdient (suum cuique).

11Apr/100

A SINGLE MAN

Wann sind schöne Gegenstände – also bildende Kunst, Filme, Theaterstücke – trivial? Was macht sozusagen ihre Trivialität aus, gerade wenn und weil sie schön sind oder schön zu sein vorgeben? Was bedeutet es eigentlich, Kunstwerke trivial zu finden und nicht hässlich oder einfach langweilig? Gestern Abend hatte ich das besondere Vergnügen, diese Fragen mal am Einzelfall zu testen: A Single Man von Tom Ford.

Der Plot ist kurz erzählt. Kalifornien 1962: Literaturprofessor Falconer hat sich entschlossen, seinem Leben ein Ende zu setzen. Seit sein Freund bei einem Autounfall umkam, macht irgendwie nichts mehr Sinn. Mit dem 30. November, dem Tag der Handlung, macht er die Farewell-Tour durch sein Leben: Hier noch ein Kompliment der hübschen Sekretärin, dort noch ein engagierter Monolog an seine Studenten – ja, ja, die Angst, und wie sie alles und alle beherrscht („War Huxley ein Antisemit?“). Schließlich noch ein Abendessen bei der exzentrischen Nachbarin, die sich dabei mit Gin betrinkt (Gloria Swanson in ihrer besten Rolle seit Sunset Boulevard). Und schließlich die Nacht der Nächte – sollte man meinen. Weil der Gute aber für den letzten Schritt noch Stärkung braucht, treibt‘s ihn in eine Bar. Da trifft er Kenny, sehr jung, sehr blond und sehr sein Student oder wie‘s so schön in der SZ stand: „Die Flauschigkeit von Kennys Kaschmirpullover sagt mehr über seine Rolle als Verführer und Beschützer als jeder Dialogsatz.“ Es folgen Augenblicke quälender Unsicherheit, ja Unentschlossenheit: Was stellt er bloß als Herr Professor mit diesem nackigen Typen in seiner Wohnung an? Soll er oder soll er nicht? Darf er? Nach mehrerlei Bier hat sich die Frage von allein erledigt: Man schläft einfach. Irgendwie wacht er aber noch mal auf, erlebt nen hellen Augenblick („Es gibt Augenblicke großer Klarheit, wo man nicht mehr denkt, sondern nur noch fühlt“ – oder so ähnlich) und verbrennt die Abschiedsbriefe. Selbstmord abgesagt. Just in diesem Moment rafft ihn ein Herzinfarkt dahin.

Ja, so kann‘s manchmal gehen oder wie Walter Moers den Tod in den 13 ein halb Leben des Käpt’n Blaubär so schön und treffend sagen lässt: „Hör mal zu […], du kannst dich auf den Kopf stellen, aber wann gestorben wird, bestimme immer noch ich. […] Merk dir eins: Ich bin überall da, wo du mich nicht erwartest, aber niemals da, wo du mich suchst. Also gib’s endlich auf!“

Gut, langweilig ist dieser Film nicht, um von der Unmöglichkeit zum Hässlichen mal zu schweigen. Für Langeweile ist er einfach zu gut gearbeitet. Jedes Detail ist eine narrative Funktion und wird damit auch nicht einfach wie ein bloßes Icon sich selbst überlassen in einer nur mehr rudimentären Verweisung auf Abwesendes (das Glück, der Freund, die jouissance oder was man noch so alles vermissen kann). Es hat also eine Geschichte, und es wird ihm nicht selbst die Last der Erzählung aufgebürdet. So auch die filmischen Mittel, die an Manierismus wirklich nichts zu wünschen übrig lassen – Traumsequenzen, Slomos, die Farbenskala innerer Zustände: das ganze Repertoire eines psychologisch geführten Blicks. Und nicht zuletzt das historische Element: Vorabend schwuler Politisierung, die Erwartung unmittelbarer atomarer Vernichtung, Suburbia.

Und diese narrativen Funktionen fungieren nun im besten Sinne als Accessoires. Um dazu noch einmal den SZ-Satz zu zitieren: „Die Flauschigkeit von Kennys Kaschmirpullover sagt mehr über seine Rolle als Verführer und Beschützer als jeder Dialogsatz.“ Ja, genau falsch! Es ist umgekehrt: Seine Rolle als Verführer und Beschützer sagt mehr über den flauschigen Kaschmirpullover, als es tausend Worte und tausend Bilder je vermöchten. Fim-Zeit.de habe wohl geschrieben, wie ich las, manche Rückblenden erinnerten an frühere Campari-Werbung, und in der Tat gibt es da einige Schwarzweißsequenzen (es könnten genauso gut Parfums, Jeans, Schlüpfer, Pralinen etc. sein). Aber auch dieses Element ist nicht einfach kontingent, sondern konstitutiv. Der Film erinnert nicht einfach an einen Werbespot, er ist ein Werbespot – man muss nur schauen wofür. Und da wird’s trivial, und es wird ärgerlich.

Der Punkt ist nicht so sehr, dass hier ein doofer Modemann nen doofen Film mit Mode gemacht hat. Ach wär’s nur so. Gestern nach dem Kino sagte ich zu einer Freundin (sie heißt Charly und wohnt nebenan): „Was für ein Trash“. Ich muss das Kompliment leider wieder zurücknehmen. Denn: Für was macht dieser Film nun eigentlich Reklame?

Hierzu gibt es eine Schlüsselszene. Rückblende: Herr Professor und sein Freund auf dem Sofa. Sie lesen, und sie hören Musik dazu. Herr Professor hat Kafka bei Händen, das Gespons Breakfast at Tiffany’s. Der zukünftigen Leiche entfährt der Satz: „Ich bin so glücklich. Ich könnte jetzt auch sterben“ (oder so ähnlich). Das sei also der Inbegriff des „höchsten Augenblicks“. Der Sehnsuchtsort des Films ist ein Sofa. Und da schnurren die Accessoires, diese ganzen Details, die in diesem Film werben und für die dieser Film wirbt, zusammen zu bloßem bürgerlichen Interieur. Ausstellungsstücke der Weltvergessenheit. Nicht Mode, sondern bloße Exponate, Sachen, Kram. Das Mercedes-Coupé ist nur ein Auto, mit dem man zur Arbeit fährt und das bei den Nachbarn was hermacht. Die innere Leere der Figuren damit also nicht Schicksal, das unverdient über sie käme. Es ist das Schicksal, das instrumentelles Denken nun einmal ereilt und gerade auch jene, die es sich zu Hause mal so richtig schön machen wollen.

Im Kino ist viel geweint worden. Ich habe das gestern schon nicht verstanden. Aber Fluch denjenigen, die von diesem Film gerührt sind. Sie sollen von ihren Sofas, ihren Fernsehsesseln, von ihren Taschentüchern verschlungen werden.

27Jan/100

NO NAZIS