Cock a Leekie

29Jan/100

OTAKU

Seit gestern habe ich einen neuen Mitbewohner. Der hat mir nun vorgeschlagen, dass ich etwas posten soll zum Unterschied zwischen nerd und geek. Mmh... Ich nehm das durchaus nicht persönlich. Ehrlicherweise kann ich dazu nicht so besonders viel beitragen - das scheint ja was zu tun zu haben mit Expertise und unsozialem Verhalten (ich bin eher supersozial und hab keine Ahnung).

Frau B., die Witwe von Herrn S., wirft gerade das Wort "wirklichkeitsfern" in die Runde. Sie isst nämlich Leberwurstpralinen (ja, wirklich, die gibt's in der Lebensmittelabteilung von Karstadt), lässt's sich also richtig gut gehen und löst dabei Kreuzworträtsel. Also: "wirklichkeitsfern, acht Buchstaben".[_TOP_ _ _H] Ich dachte zuerst an STOPNICH, aber - ja genau: UTOPISCH.

Sind also freaks, nerds, geeks Utopisten? Und hier wirds schwierig. Es gibt scheinbar verschiedene Formen, sich der Wirklichkeit zu entfremden. Ist einer, der auf die klassenlose Gesellschaft abzielt, ein Freak? Ja, irgendwie schon. Ein Geek? Weniger. Nerd: Auf keinen Fall. Und genauso in Fragen der Liebe. Freaky love - fancy, sticky love. Das Interessante ist nicht so sehr die Kategorisierung sozialer Devianzen, sondern dass die Parallelisierung von Wirklichkeitsferne und Utopie irgendwie nicht stimmen kann.

Die Science-Fiction-Literatur des 20. Jahrhunderts bearbeitete wesentlich das Thema der Dystopie - also die Struktur der (zukünftigen) Katastrophe. Ein aktuelleres Beispiel dafür ist McCarthys "The Road" von 2006, zu Deutsch bei Rowohlt erschienen:

"Der Tag nicht über sich selbst hinausweisend. Die Stunde. Es gibt kein Später. Das ist das Später. Alles Anmutige und Schöne, das einem am Herzen liegt, hat einen gemeinsamen Ursprung im Schmerz. Wird aus Trauer und Asche geboren. So, flüsterte er dem schlafenden Jungen zu. Ich habe dich."

Die Dystopie ist nun aber nicht einfach das Gegenteil der Utopie, sie bildet vielmehr eine Unterkategorie. Nun würde es niemandem ernstlich einfallen, den Inhalt eines Romans wirklichkeitsfern zu nennen. Aller Realismusdebatten des 20. Jahrhunderts zum Trotz ist die faktische Wirklichkeit oder die Nähe oder auch nur die Liebe zur Wirklichkeit ja kein valides ästhetisches Kriterium, mit dem sich bestimmen ließe, was ein Roman in uns auslöst, anstößt - was er uns sagt. Der Roman ist der symbolischen Textur einer Welt sogar da am nächsten, wo er ihrer Faktizität den Rücken zugewendet hat: Was hab ich auf dieser Galeere zu suchen.

Eine Utopie zu haben, zu denken, zu entwickeln, besteht eben genau darin: Der banalen Faktizität, dem Reich der Notwendigkeit, der Ananke den Rücken zuzukehren. Und wir - jedeR von uns - arbeiten bereits jeden Tag daran , dass ein Bild unseres Selbst die Wirklichkeit berührt, dass wir selbst mögliche sind und unser Mögliches real.

Jenseits einer irgendwie ästhetischen Arbeit, lässt sich also nach dem Utopischen des Alltags fragen. Und da ist doch eine Sache auffällig. Es hat  sich irgendwie ergeben, dass die  pessimistisch gesinnte Prophetie ("Der Untergang des Abendlands") aus einem Grund, der wohl sehr viel mit der Frustrationserfahrung moderner Subjektivität zu tun haben mag, irgendwie landläufig als glaubwürdiger gehandelt wird. Der Untergang erscheint als eine Bestrafungsphantasie, die im Subjekt zugleich die Lust freisetzt.

Wenn das Utopische also unsere alltgliche Erfahrung ist, dass ein Mögliches die Wirklichkeit berührt, und wenn das Utopische die Unmittelbarkeit der Lust in einem Feld der Frustration bedeutet (also das Gegenteil des Untergangs), dann zeigt sich auch, dass die Idee der Wirklichkeit eine unmittelbar politische ist. Die Wirklichkeitsferne des Utopischen ist dann selbst nur eine Unterkategorie der Utopie. Und der Utopist mag nun ein freak sein, geek oder nerd. Er führt auf jeden Fall ein verdammt anstrengendes Leben.

Und hier, a propos Anstrengung:

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