Cock a Leekie

2Jun/101

“Freiheitlich liebende Menschen”

Gerade warte ich auf den Waschmaschinenmonteur - genau genommen warte ich seit Stunden. Und nichts Besseres habe ich mehr zu tun, als mir einen merkwürdigen Video-Blog der SZ anzuschauen: Summa summarum von Marc Beise - seines Zeichens der Leiter der Wirtschaftsredaktion. Nun - der Herr Beise ist promovierter Rechtswissenschaftler und Volkswirt (das wird noch wichtig). Zunächst einmal ist er hier zu sehen, wie er dynamisch das Redaktionsgebäude durchschreitend sein Büro im 23. Stock! betritt. Ein Dagobert-Duck-Zitat scheint dabei irgendwie den Wahlspruch der Redaktion abzugeben (oder des SZ-Verlags? Man weiß es nicht) - "Und es in die Luft zu schmeißen, daß es mir auf die Glatze prasselt". Ähhh - ja!

Nun. Thema des Beitrags ist die Rücktrittswelle, die das politische Personal erfasst hat und - oh Graus, den wirtschaftspolitischen Sachverstand der Republik hinwegspült, dass es dem Herrn Beise ganz Angst und Bange wird.

Man muss, so Herr Beise, als "freiheitlich liebender Mensch" nicht Kochs Ansichten zur Sicherheits- und Innenpolitik teilen, aber wirtschaftspolitischen Verstand, den hat er. Als freiheitlich liebender Mensch - und ich zähle mich dazu - sollte man überhaupt keine Auffassung Kochs teilen, aber nun gut. Besser noch - auch Horst Köhler soll finanz- und wirtschaftspolitisch Angela Merkel beraten haben. Ja. Bestimmt! Man muss nicht wie ich jeden Tag ne Stunde SZ lesen, um zu wissen, dass das Quatsch ist.

Jetzt also perdu der ganze Sachverstand und Marc Beise versucht sich an einer Anordnung, die die übrig gebliebene Connaissance "visualisieren" soll:  622 kunterbunte Mensch-ärger-dich-nicht-Männl, die für die MdBs stehen. Die wiederum sind in Gruppen eingeteilt, die ihrerseits die verschiedenen Berufsfelder repräsentieren. Aus dem Beruf eines Menschen lässt sich nämlich der wirtschaftliche Sachverstand ablesen, wie Herr Beise meint. Nun. Es gibt ja auch Leute, die aus Kaffeesatz die Zukunft deuten, nur arbeiten die für gewöhnlich nicht bei einer großen Tageszeitung. Herr Beise kommt bei dieser Visualisierung zu dem Ergebnis, dass man zunächst die "unselbständig Beschäftigten" in Hinsicht ökonomischer Kundigkeit gleich ganz vergessen kann (gleichwohl er sich selbst dazu zählt). Aber auch die Selbständigen, sofern es sich um Juristen, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater handelt, sind nicht wirklich ernst zunehmen (man erinnere seine Ausbildung!). Übrig bleiben am Ende in Herrn Beises Rechnung 53 MdBs, die "vielleicht einmal selber ein Unternehmen gegründet haben" und deswegen "die Wirtschaft verstehen". Also, für Marc Beise besitzt der oder die wirtschaftspolitischen Sachverstand, der oder die ein Unternehmen führt oder geführt hat. "Die wissen nämlich, dass das Geld nicht aus dem Geldautomaten kommt und so weiter." Und so weiter, ja ja. Friseure, Bäckerinnen und allen voran natürlich Altenpfleger denken nämlich, das Geld kommt aus dem Geldautomaten. Dass man für 1200 netto irgendwie auch zur Arbeit muss, wissen die nicht. Darum sind se ja auch so oft aufm Amt. "Und so weiter".

Diese Logik "wirtschaftspolitischen Sachverstands" ist ungefähr so, als wäre Einstellungsvoraussetzung für einen Onkologen am Universitätsklinikum, selbst schwer an Krebs erkrankt zu sein. Man kann das so halten, muss es aber nicht. "Denken Sie mal darüber nach!", rät der Herr Beise. Nee - besser nicht!

Übrigens - der Waschmaschinenmensch war gerade da. 200 Tacken. Vielleicht hätte ich gleich eine Waschmaschine kommen lassen sollen, und schon hat Marc Beise irgendwie wieder Recht. Und deswegen hier noch der Vlog-Beitrag:

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  1. Mhh, sind “freiheitlich liebende Menschen” nicht eher jenseits der Ökonomien und “freiheitsliebende Menschen” gemeint? Na, jedenfalls rate ich bei der Gelegenheit, mal bei Weissgarnix vorbeizuschauen, wenn der Monteur mal wieder auf sich warten lässt. Zwar ohne Bewegtbild, aber oft lesenswerter als ganze Wirtschaftsressorts.


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