TIERE IN DER GROSSSTADT
Ja – eigentlich sollte der Blog mit einer Reihe über die üppige Flora und Fauna der Stadt anfangen. Und tatsächlich gibt es zu dem Thema ja einiges zu sagen – wenn Dir der Fuchs nachts im Park über den Weg läuft („Chaos reigns!“ – aber wirklich. Da muss ich keine Naturimagination des 19. Jahrhunderts abfilmen, um zu dieser Auffassung zu kommen). Chaos reigns – da lässt sich doch die Frage stellen, warum Fuchs, Igel, Hase und wie sie alle heißen, ein so gedeihliches Auskommen im „Großstadtdschungel“ haben, während manchereins und mancherlei oberhalb der Parks in der Dressur und Diziplin der Lohnarbeit ihr hartes Brot teilen. Aber genug davon – eigentlich sollte es um Belästigung durch Tiere gehen und nun ja, Tierfeindschaft. Wieder ein ähnliches Phänomen: Zwar kann man seine Abscheu vor Menschen in einen knackigen Begriff fassen – Misanthropie, aber wie stets um einen, der mal ausnahmsweise nicht die Tiere liebt und die Menschen hasst, sondern umgekehrt? (Um Hilfe wird hier ausdrücklich gebeten.) Kurz: Tieren geht es doch noch viel zu gut. Die sollen mal arbeiten lernen (Ochsen, Esel und anderes Ackervieh sind hier keine Entschuldigung – die machen das nämlich gern!)
Tiere in der Großstadt: Ich habe ein Tierproblem. Nicht nur, dass diverse Tauben, Amseln, Elstern und anderes Gefieder meine morgendliche Ruhe stören, nein, es gibt da diese Katze. Irgendwie muss sie eine Psychose entwickelt haben. Jedenfalls läuft sie rund um die Uhr im Hinterhof hin und her und schreit. Das kann man mal ne Woche, vielleicht auch zwei Wochen hinnehmen und sich selbst dabei sozusagen von der stoischen Seite kennenlernen. Ein halbes Jahr geht das nicht. Da ist man dann kurz davor, selbst eine Psychose zu entwickeln, und wie das mit den psychischen Erkrankungen nun einmal bestellt ist:
„Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns, es bringt uns zuviel Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben. Um es zu ertragen, können wir Linderungsmittel nicht entbehren. […] Solcher Mittel gibt es vielleicht dreierlei: Mächtige Ablenkungen, die uns unser Elend geringschätzen lassen, Ersatzbefriedigungen, die es verringern, Rauschstoffe, die uns für dasselbe unempfindlich machen. Irgend etwas dieser Art ist unerläßlich.“ (Freud)
Da die Revolution nicht unmittelbar vor der Haustür steht („mächtige Ablenkung“), habe ich mich also auf das Dichten verlegt („Ersatzbefriedigung“). Nun – ich hatte mich an einem Sonett versucht: „Katze von Eiszapfen gespalten“. Erkenntnis: Ich bin kein Dichter. Über Zeile 3 habe ich es nicht herausgebracht und so habe ich mich wieder meinem bekannten Linderungsmittel hingegeben: Schnaps. Aber das hält mich nicht davon ab, diese drei Zeilen – quasi als Protokoll des Scheiterns – hier zum Besten zu geben:
Katze von Eiszapfen gespalten
In meinem Hinterhof wohnt eine Katze.
Sie mauzt des nächtens und an allen Tagen.
Kein Stein, kein Hund, kein Gift kann sie verjagen…
Ja – reden wir also nicht mehr über Tiere, reden wir vom Scheitern, der menschlichen Substanz par excellence. Darin schwimmt er ja wie ein Fisch im Wasser. Wenn das Menschliche nach Aristoteles im sprechenden Tier zu suchen ist, dann wird es scheinbar tierisch, wenns um den schweigenden Menschen geht. Und wer schweigt schließlich beredter als der Loser, der Versager, der Nichtskönner, das Opfer? Nun handelt es sich beim Versagen grundsätzlich um eine Singularität – sozusagen eine Ausnahme von der Regel. Gutes Beispiel sind hier die failed states. Seltsamerweise kommt ja kaum jemand auf die Idee, dass nicht Haiti, Somalia oder Afghanistan das Problem sind, sondern das die Schwierigkeit irgendwie schon beim Konzept anfängt. (Man muss nicht Agamben gelesen haben, um von der Unmöglichkeit zu wissen, „daß das System funktioniert, ohne sich in eine tödliche Maschine zu verwandeln.“)
Jedenfalls so auch der Loser, er ist also eo ipso ein trauriger Tropf, der sich einsam und verlassen von den Traumgesängen einer graugetigerten Katze mächtig vom eigenen Versagen abzulenken weiß (Ist Hass nicht auch eine qualifizierte Form der Zuneigung? Wo bist du, Mulle? – Sie schweigt seit drei Wochen und der Eiszapfen ist auch weg. Ui!). Ja, die traurigen Tröpfe. Das Problem am Scheitern, am Versagen und Straucheln ist ja nicht das Straucheln – sondern das Aufstehen („Der raue Weg zu den Sternen“ – mit meinen Pall Mall inhaliere ich das süße amerikanische Gift). Nein im Ernst, das Problem am Straucheln ist ja nicht, dass da ein glorreiches, überfrohes Selbstbild mit dem schläfrigen Tier in mir wie der geschwungenen Peitsche des Kapitalismus in Konflikt geriete. Das Problem des Strauchelns ist auch nicht eine unermessliche Erkenntnis und Drohung der Norm (eine ganz zivile Drohung, die nichts damit zu tun hat, das Blut fließen zu machen – vielmehr es auszutrocknen und versiegen zu lassen). Um das Subjekt in Angst zu versetzen, bedarf es nun wirklich nicht der Überschreitung („Deh, non varcar quell´onda, /Anima del cor mio”). Da is dann ja nun auch alles zu spät. (Was uns ängstigt und zutiefst verstört, ist deshalb auch immer das Scheitern der Anderen – da kann man ja gar nicht hinsehen. „Fremdschämen“ ist hier ein Stichwort – wie von einem Befehl zusammengerufen, dem Untergang des Anderen beiwohnen zu müssen.)
Das Problem des Strauchelns ist also die Unmöglichkeit des Sagens. Nun mag es sein, dass dieser Loser oder jener Versager schon immer aus seinem Herzen eine Mördergrube gemacht hat – individuelle Dispositionen (Ach? Sind sie das?) sind aber nicht der Punkt. Der Loser, der nur in einem Verhältnis zur eigenen Unmöglichkeit seine Konsistenz hat, kann deshalb nicht sprechen, weil das Scheitern in der Sprache keinen Ort hat. Es ist dasjenige, was immer schon aus der Sprache hinausgegangen ist. Chaos reigns! Und in diesem Sinn: Prost!
Januar 23rd, 2010 - 18:52
hassenswerte Tiere?
Andy Warhol: Wenn ich heimkam, war ich sehr froh, wenn ich eine kleine Küchenschabe fand, mit der ich reden konnte. – Charles Lisanby: Er strahlte eine besondere Verletzlichkeit aus, wie Marilyn Monroe oder Judy Garland. – Victor Bockris: Andy war in der Lage, sein Leben mit jedem zu teilen, mit dem der Zufall ihn zusammenführte. – Vito Giallo: Ich glaube, ihm gings prima, wo er auch war. Er war positiv, was das Leben betrifft.
Denn natürlich ist Andy Warhol das ideale Identifikationsangebot. Wir lesen Bücher über Künstler, weil wir wissen wollen, wie die anderen zurechtgekommen sind, und jedes Buch gibt seine eigene Antwort. Biografien gleichen Bildungsromanen und Bildungsromane gleichen Krimis: Es interessiert uns das Ende, das Gelungensein. Die Vollendung. Ondrej. Andek. Andrew. Andy: jeder braucht Vorbilder, um keinen Selbstmord zu machen, und der Starkult in Amerika ist eine primitive Nachricht davon.
usw…..
aus http://www.schernikau.net/
Januar 23rd, 2010 - 18:56
und hier noch ein Satz über gemalte Katzen:
Warhol fragte ihn: Warum mögen die mich nicht? Die Antwort des Kunsthändlers steht in jedem der Bücher über Warhol, ich habe diese Antwort in fünf Übersetzungen lesen dürfen, und eine wie die andere waren die Übersetzungen falsch. Die Antwort lautet auf englisch: You’re too smart. Übersetzt wird das mit: Du bist zu schick, du bist zu schickimicki, du bist zu tuntenhaft (dieses Wort gibt es überhaupt nicht), du bist zu tuntig – die richtige Übersetzung ist einfach: Du bist zu schwul. Warhols Kunst, auch wenn er Katzen malt, ist schwul. Und schwul wollten Johns und Rauschenberg nicht sein.
Januar 25th, 2010 - 00:13
Zur Frage nach einer knackigen Formulierung, die den Hass auf Tiere beschreibt, schlage ich in Anlehnung an Misantrophie “Miszootrophie” vor. Wikipedia kennt das zwar nicht, aber was muss das schon heissen. Es fehlt ja eigentlich nur der Artikel hierzu, der so gesehen auch relativ schnell geschrieben wäre, was ich mir aber dann doch klemme.