Cock a Leekie

25Jan/100

TRAUERARBEIT

Da ich mich neben der Nachhilfe nun auch mit den traurigen Dingen des Alltags beschäftige (Tod, Kapitalismus, Versagen etc.), nun vielleicht doch noch ein etwas qualifizierterer Beitrag zur Trauerforschung. In meinem Freundeskreis (sagt man das überhaupt noch?) gibt es eine Frau B. Frau B. ist seit einigen Tagen Single – unfreiwillig. Herr S. hat sich nämlich nach drei Jahren Beziehung von ihr getrennt – im Treppenhaus, das ging ganz schnell über die Bühne, der hatte sich richtig im Griff. Das war für Frau B. nicht ganz unerwartet, am Ende dann aber doch überraschend. Nun sind Trennungen gemeinhin (wenigstens für eine der beteiligten Personen) eine traurige Angelegenheit (Gibt es einvernehmliche Trennungen oder ist das auch bloß eine ideologische Verbrämung eines immanenten Widerspruchs wie z.B. „soziale Gerechtigkeit“?). Das Traurige an Trennungen ist, jedenfalls für mich, dass sie irgendwie mit Endgültigkeit zu tun haben (selbst wenn die Trennung sich schließlich nur als kurzes Aufatmen herausstellt bis zum nächsten Anlauf auf gemeinsame Beziehungshürden). Die Arbeit an einer solchen Trauer besteht oft darin, die Erkenntnis der Endgültigkeit auf Dauer zu stellen und daran nicht dauerhaft zu leiden. Frau B. steht da noch ganz am Anfang. Und der wird schwer, weil der Herr S. sich nicht zu blöde war, auch noch kräftig hinterher zu treten. Dass das sowieso nur eine Freundschaft war, die „irgendwie“ ins Sexuelle abgeglitten sei, und dass er nach einer romantischen Liebe suche (wie rührend!), die er mit ihr nicht haben kann, und dass er das von Anfang an wusste (Frau B. wusste das nun eben leider nicht). Ja, das musste er unbedingt loswerden. Und das hat gesessen. Frau B. fühlt sich nun wie ein bloßer Platzhalter, so ne Art Wärmflasche mit Ohren. Ganz mit Recht fragt sie, wie habe er ihr diese Dinge vorenthalten können.

Die Wahrheit ist leider: Wenn er ihr gesagt hätte: Du, B., du bist bloß n Platzhalter in meinem Bett, bis die Richtige kommt, dann hätte sie die Beine aus dem Bett geschwungen, ihm den Finger zum Abschied hingehalten und wäre in die klare Winterluft gestiefelt. Ja, sie wäre also weg gewesen, und wer hätte dann den Platz in seinem Bett frei und warm gehalten? Zu dieser ganzen Platzhaltergeschichte gehört also ein gewisses Maß an Verlogenheit Und offenbar: Verkennung.

Wiktor Pelewin hat einmal ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Dialektik der Übergangsperiode aus dem Nirgendwoher ins Nirgendwohin“. Die Übergangsperiode aus dem Nirgendwoher ins Nirgendwohin beschreibt diese ganze Platzhalter-Idee des Herrn S.

Ich will mich der Sache gar nicht so vom hohen moralischen Ross her nähern, denn es verbindet sich mit ihr ein ganz erstaunlicher Vorgang. Frau B. hat nun in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis – wie man sich denken kann – ihre Sicht der Dinge dargestellt. Das Erstaunliche nun ist für mich die Empörung ihres Umfelds. Nun gehören Solidaritätsbekundungen der Freunde zum Trennungskampf um die Deutungshoheit des Geschehens dazu und ich finde, ganz zu Recht (wer schon einmal mit einem Pärchen befreundet war, das sich dann trennte, weiß vielleicht, dass es – wenigstens für eine kurze Zeit – hier keine unparteiische Freundschaft geben kann)! Die Solidarität der Freunde von Frau B.  – auch meine – geht aber doch irgendwie zu weit. Seltsamerweise gibt es zu Herrn S. nichts zu sagen. Man kann da nichts erklären oder deuten. Man kann den Vorgang auch nicht von einer anderen Seite beleuchten. Genau genommen gibt es nicht mal eine andere Sicht der Dinge, seine oder wessen immer. Und ich glaube, das liegt an dieser Platzhalter-Sache. Hier wären wir also bei der Verkennung.

Irgendwie erscheint der Platzhalter als Übergangsperiode, bis endlich das Authentische, das Eigentliche, die jouissance blüht. Jetzt habe ich mich gerade verirrt, aber der Platzhalter ist die, der, das, was den Weg raus zeigt. Zeichen, Signal, Index dessen, was gerade nicht da ist und zugleich als Abwesenheit, als Negation vorhanden. Ihm oder ihr muss ich nur folgen, und wenn ich die Lichtung betrete, tritt der Platzhalter zurück in jenes Dunkel, aus dem ich gerade gekommen bin. Dann wäre also der Platzhalter eine Art leeres Zeichen, in dem die Leere des Subjekts ihre Entsprechung findet und durch dessen Leere allein ich die Ökonomie der Abwesenheit als Differenz bemeistere – in meine Zukunft spreche, fühle, agiere. Wie ungemütlich.

Da gibt’s ja vielerlei Beispiele: Ich mach den Nachhilfejob, bis ich was Besseres finde. Ich lese Simon Beckett, bis ich wieder Zeit habe, ein „echtes“ Buch zu lesen. Ich spreche von Liebe. Ich esse Knäckebrot etc.

Und besser noch: Im Platzhalter spiegelt sich die systematische Ausschließung unserer Bedürfnisse aus jener Ordnung, in der Sachen einen Wert für uns annehmen. Was ich brauche ist wertlos (von ihm bin ich durch die Ordnung getrennt) und was wertvoll ist, kann ich zu nichts gebrauchen (das muss ich losschlagen, veräußern, gegen das, was ich brauche, eintauschen). Das ist dann also nicht einfach eine individuelle Verwechselung der Strukturen bürgerlicher Ökonomie mit sozialer Interaktion. Der Herr S. denkt nicht instrumentell, sondern macht einfach das, was er schon kennt. Und hier wird’s dann wirklich ungemütlich.

Viele Freunde von Frau B. verbanden dementsprechend ihre Empörung mit der Frage: Ja, muss man das denn so sagen? Nein, man muss nicht. Darum ein Dank an Herrn S. für seine Hellsichtigkeit und Wahrheitsliebe, in der sich meine Verkennung und Verlogenheit nur empört spiegeln können.

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