Cock a Leekie

10Mai/100

NOCH ETWAS ZUR DEKADENZ

Ich möchte in diesem Zusammenhang auf einen Beitrag von David Pachali in der Berliner Gazette zu sprechen kommen. Westerwelle-Bashing hatte er sich da zum Thema genommen und die Empörung, die sich gegen „Klientelpolitik“ und ihren vermeintlichen Exponenten Westerwelle Bahn bricht. Pachali erinnert nicht zu Unrecht daran, dass in der repräsentativen Demokratie die Vertretung von Interessen das politische Tagesgeschäft ausmacht. Lobbyismus, gar Interessenvertretung überhaupt zu verurteilen, ist folglich bestenfalls naiv und schlimmstenfalls verlogen. Befremdlich also die allgemeine Ablehnung, die Westerwelle so tagaus, tagein entgegenschlägt. Befremdlich, und doch nicht unverdient, Stichwort: spätrömische Dekadenz. Das Polemisieren gegen die Schwächsten, wie Pachali schreibt, „schickt sich nicht“, und „mehr muss man dazu nicht sagen“.

Was sich in politischen Angelegenheiten schickt und was sich nicht schickt, betrifft keine moralischen Fragen, sondern Fragen des guten Geschmacks. Nun mag man gemeinhin den Geschmack nicht als harte politische Münze nehmen, aber in repräsentativen politischen Gefügen entscheiden diese Geschmacksfragen zuweilen alles. Hannah Arendt hat einmal in diesem Zusammenhang auf Kants transzendentales Prinzip der Publizität verwiesen: „Alle Maximen, die der Publizität bedürfen (um ihren Zweck nicht zu verfehlen), stimmen mit Recht und Politik vereinigt zusammen“ (Zum ewigen Frieden). Das soll heißen, jede Äußerung, jede Unterredung und jede Tat, die sozusagen das „Licht der Öffentlichkeit“ nicht scheuen muss, ja, dessen um ihrer Gelingen willen sogar bedarf, ist rechtens und „schicklich“.

Herr Westerwelle möchte nun die Sozialversicherungssysteme – ja nennen wir es ruhig so – umbauen. Das liegt im Interesse der von ihm antizipierten Wählerschaft, der’s eben nicht genug im Geldsäcklein klingelt, und er versucht dafür allgemeine Zustimmung zu generieren. Folglich schickt sich sein Verhalten sehr wohl. Mehr ist dazu nicht zu sagen? – Eben.

Dieses Verhalten ist schicklich unter den Bedingungen der bürgerlichen politischen Ökonomie, also des Kapitalismus. Pachalis Ansatz eines pragmatischen Liberalismus, der mit den gegebenen politischer Institutionen operiert als Vermittlung der gesellschaftlichen Antagonismen, verkennt, dass es politisch, wenn es „auf Kosten der Schwächsten“ geht, alles andere als irrelevant ist, wer spricht. Gesellschaftliche Interessen stehen sich nämlich nicht äquivalent gegenüber, und ihre Repräsentation ist selbst ein „Regime des Sinnlichen“ (Jacques Rancière), aus der das Unrecht systematisch ausgeschlossen ist. Das politische Tagesgeschäft der Interessenvertretung besteht also darin, die „Interessen der Schwächsten“ einerseits zu konstituieren und andererseits zu delegitimieren, zu sagen, die Ungerechtigkeit, ja das Unrecht sind gar nicht vorhanden. Und da schließt sich der Kreis, denn wer bestrebt schließlich etwas anderes als ihm oder ihr zusteht? Das artikulierte bzw. repräsentierte Interesse selbst ist immer rechtens und jeder erhält, was er verdient (suum cuique).

8Mai/100

AN DIE HALTLOSIGKEITEN…

Krokus, vom gastlichen

Tisch aus gesehn:

zeichenfühliges

kleines Exil

einer gemeinsamen

Wahrheit,

du brauchst

jeden Halm.

Paul Celan

17Apr/100

@Lord Laughter

Lieber Herr Laughter,

vielen Dank für Ihren elektronischen Leserbrief. Um diejenigen Ihrer Fragen zu beantworten, die ich beantworten kann (die Fragen zum Roxette-Video stellen Sie bitte Per Gessle bzw. Marie Fredriksson):

JAWOHL, es handelt sich hier um zwei Geister und wer eine Liebesbeziehung zu einem imaginären Freund bzw. einer imaginären Freundin unterhält, kann nicht ganz umhin, selbst irgendwie im Reich des Imaginären zu lustwandeln. Aber nehmen Sie es nicht allzu schwer, denn imaginär sind Sie ja nicht in einem substantiellen Sinne, sondern nur in den Augen von Misses Laughter.

Und da Sie sich offenkundig mit schwedischem Pop auseinandersetzen und es nicht immer Roxette sein muss: Elenette...

16Apr/101

KEINE DELIKATESSEN!

Eine Freundin von mir hatte heute eine Zahn-OP und da ich mich eigentlich auf eine Prüfung vorbereiten muss (stattdessen aber prokrastiniere), habe ich den ganzen Tag damit verbracht, ihr ein Gedicht zu schreiben, um sie aufzumuntern. Übrigens, die Pfeile auf der Abbildung zeigen die Stellen, an denen sie operiert wurde:

Der Zahn

ist ein lustiges Organ.

Und wenn er einmal Nerven zeigt,

bist du ihm nicht zugeneigt.

12Apr/101

SPENDING MY TIME

Für Hank, die Prokrastination, für die Selbsterkenntnis und die Intuition:

11Apr/100

A SINGLE MAN

Wann sind schöne Gegenstände – also bildende Kunst, Filme, Theaterstücke – trivial? Was macht sozusagen ihre Trivialität aus, gerade wenn und weil sie schön sind oder schön zu sein vorgeben? Was bedeutet es eigentlich, Kunstwerke trivial zu finden und nicht hässlich oder einfach langweilig? Gestern Abend hatte ich das besondere Vergnügen, diese Fragen mal am Einzelfall zu testen: A Single Man von Tom Ford.

Der Plot ist kurz erzählt. Kalifornien 1962: Literaturprofessor Falconer hat sich entschlossen, seinem Leben ein Ende zu setzen. Seit sein Freund bei einem Autounfall umkam, macht irgendwie nichts mehr Sinn. Mit dem 30. November, dem Tag der Handlung, macht er die Farewell-Tour durch sein Leben: Hier noch ein Kompliment der hübschen Sekretärin, dort noch ein engagierter Monolog an seine Studenten – ja, ja, die Angst, und wie sie alles und alle beherrscht („War Huxley ein Antisemit?“). Schließlich noch ein Abendessen bei der exzentrischen Nachbarin, die sich dabei mit Gin betrinkt (Gloria Swanson in ihrer besten Rolle seit Sunset Boulevard). Und schließlich die Nacht der Nächte – sollte man meinen. Weil der Gute aber für den letzten Schritt noch Stärkung braucht, treibt‘s ihn in eine Bar. Da trifft er Kenny, sehr jung, sehr blond und sehr sein Student oder wie‘s so schön in der SZ stand: „Die Flauschigkeit von Kennys Kaschmirpullover sagt mehr über seine Rolle als Verführer und Beschützer als jeder Dialogsatz.“ Es folgen Augenblicke quälender Unsicherheit, ja Unentschlossenheit: Was stellt er bloß als Herr Professor mit diesem nackigen Typen in seiner Wohnung an? Soll er oder soll er nicht? Darf er? Nach mehrerlei Bier hat sich die Frage von allein erledigt: Man schläft einfach. Irgendwie wacht er aber noch mal auf, erlebt nen hellen Augenblick („Es gibt Augenblicke großer Klarheit, wo man nicht mehr denkt, sondern nur noch fühlt“ – oder so ähnlich) und verbrennt die Abschiedsbriefe. Selbstmord abgesagt. Just in diesem Moment rafft ihn ein Herzinfarkt dahin.

Ja, so kann‘s manchmal gehen oder wie Walter Moers den Tod in den 13 ein halb Leben des Käpt’n Blaubär so schön und treffend sagen lässt: „Hör mal zu […], du kannst dich auf den Kopf stellen, aber wann gestorben wird, bestimme immer noch ich. […] Merk dir eins: Ich bin überall da, wo du mich nicht erwartest, aber niemals da, wo du mich suchst. Also gib’s endlich auf!“

Gut, langweilig ist dieser Film nicht, um von der Unmöglichkeit zum Hässlichen mal zu schweigen. Für Langeweile ist er einfach zu gut gearbeitet. Jedes Detail ist eine narrative Funktion und wird damit auch nicht einfach wie ein bloßes Icon sich selbst überlassen in einer nur mehr rudimentären Verweisung auf Abwesendes (das Glück, der Freund, die jouissance oder was man noch so alles vermissen kann). Es hat also eine Geschichte, und es wird ihm nicht selbst die Last der Erzählung aufgebürdet. So auch die filmischen Mittel, die an Manierismus wirklich nichts zu wünschen übrig lassen – Traumsequenzen, Slomos, die Farbenskala innerer Zustände: das ganze Repertoire eines psychologisch geführten Blicks. Und nicht zuletzt das historische Element: Vorabend schwuler Politisierung, die Erwartung unmittelbarer atomarer Vernichtung, Suburbia.

Und diese narrativen Funktionen fungieren nun im besten Sinne als Accessoires. Um dazu noch einmal den SZ-Satz zu zitieren: „Die Flauschigkeit von Kennys Kaschmirpullover sagt mehr über seine Rolle als Verführer und Beschützer als jeder Dialogsatz.“ Ja, genau falsch! Es ist umgekehrt: Seine Rolle als Verführer und Beschützer sagt mehr über den flauschigen Kaschmirpullover, als es tausend Worte und tausend Bilder je vermöchten. Fim-Zeit.de habe wohl geschrieben, wie ich las, manche Rückblenden erinnerten an frühere Campari-Werbung, und in der Tat gibt es da einige Schwarzweißsequenzen (es könnten genauso gut Parfums, Jeans, Schlüpfer, Pralinen etc. sein). Aber auch dieses Element ist nicht einfach kontingent, sondern konstitutiv. Der Film erinnert nicht einfach an einen Werbespot, er ist ein Werbespot – man muss nur schauen wofür. Und da wird’s trivial, und es wird ärgerlich.

Der Punkt ist nicht so sehr, dass hier ein doofer Modemann nen doofen Film mit Mode gemacht hat. Ach wär’s nur so. Gestern nach dem Kino sagte ich zu einer Freundin (sie heißt Charly und wohnt nebenan): „Was für ein Trash“. Ich muss das Kompliment leider wieder zurücknehmen. Denn: Für was macht dieser Film nun eigentlich Reklame?

Hierzu gibt es eine Schlüsselszene. Rückblende: Herr Professor und sein Freund auf dem Sofa. Sie lesen, und sie hören Musik dazu. Herr Professor hat Kafka bei Händen, das Gespons Breakfast at Tiffany’s. Der zukünftigen Leiche entfährt der Satz: „Ich bin so glücklich. Ich könnte jetzt auch sterben“ (oder so ähnlich). Das sei also der Inbegriff des „höchsten Augenblicks“. Der Sehnsuchtsort des Films ist ein Sofa. Und da schnurren die Accessoires, diese ganzen Details, die in diesem Film werben und für die dieser Film wirbt, zusammen zu bloßem bürgerlichen Interieur. Ausstellungsstücke der Weltvergessenheit. Nicht Mode, sondern bloße Exponate, Sachen, Kram. Das Mercedes-Coupé ist nur ein Auto, mit dem man zur Arbeit fährt und das bei den Nachbarn was hermacht. Die innere Leere der Figuren damit also nicht Schicksal, das unverdient über sie käme. Es ist das Schicksal, das instrumentelles Denken nun einmal ereilt und gerade auch jene, die es sich zu Hause mal so richtig schön machen wollen.

Im Kino ist viel geweint worden. Ich habe das gestern schon nicht verstanden. Aber Fluch denjenigen, die von diesem Film gerührt sind. Sie sollen von ihren Sofas, ihren Fernsehsesseln, von ihren Taschentüchern verschlungen werden.

6Apr/100

PHARMAKON

Nicht neu, aber schön:

6Apr/100

ROLAND, der zweite

Auf Wunsch eines Asphalt-Cowboys - das Gegengift, antidote, pharmakon...

Dämonen

3. Wie vertreibt man einen Dämon (altes Problem)? Die Dämonen, vor allem, wenn sie sprachlicher Herkunft sind (und was wären sie sonst?), werden mit Mitteln der Sprache bekämpft. Ich darf also hoffen, das dämonische Wort auszutreiben, das mir (von mir selbst) eingeflüstert worden ist, wenn ich es (vorausgesetzt, ich habe das Sprachtalent dazu) durch ein anderes, friedfertigeres ersetze (ich greife zur Euphemie). Nämlich so: ich glaube mich endlich der Krise entronnen, und da werde ich auch schon - unter dem Einfluß einer langen Autofahrt - von uferloser Redseligkeit übermannt, ich höre nicht auf, mich in Gedanken an den Anderen, im Verlangen nach ihm, in der Sehnsucht, in der Aggression ihm gegenüber zu ereifern; und ich bin gezwungen, über diese Wunden hinaus entmutigt konstatieren zu müssen, daß ich einen Rückfall erleide; aber das französische Vokabular ist ein wahres Arzneibuch (einerseits Gift, andererseits Heilmittel): nein, das ist kein Rückfall, das ist lediglich ein letztes Zucken des vorigen Dämons.

(Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe)

4Apr/102

ROLAND

Der Unheilbare

4. Es gibt zwei Arten von Bejahung der Liebe. Am Anfang, wenn der Liebende dem Anderen begegnet, steht zunächst die unverzügliche Bejahung (psychologisch: Betörung, Begeisterung, Überschwenglichkeit, verrückte Projektion einer beglückten Zukunft: ich werde vom Verlangen, vom Zwang verzehrt, glücklich zu sein): ich sage zu allem ja (und mache mich damit blind). Es folgt ein langer Tunnel: mein erstes ja wird von Zweifeln untergraben, die Liebe als Wert ist unaufhörlich von Entwertung bedroht: das ist der Zeitpunkt der traurigen Leidenschaft, der Heraufkunft von Ressentiment und Opfer. Aus diesem Tunnel kann ich jedoch wieder auftauchen; ich kann ihn "überwinden", ohne ihn zu beseitigen; was ich ein erstes Mal bejaht habe, kann ich von neuem bejahen, ohne es zu wiederholen, denn was ich dann bejahe, ist die Bejahung, nicht die Zufälligkeit: ich bejahe die erste Begegnung in ihrer Differenz, ich will ihre Wiederkehr, nicht ihre Wiederholung. Ich sage zum (alten oder neuen) Anderen: Beginnen wir von neuem.

(Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe)

30Mrz/100

BERTSCHO, der ultimative Mitbewohner

Durch die aktive, aber unerbetene Mithilfe meines Mitbewohners Bertscho Wukania (siehe Bild) ist dieser blog jetzt auch über dagebuch.de zu erreichen. Das klingt zwar, als hätte ich einen gravierenden Sprachfehler oder sei anderweitig minderbemittelt, trotzdem Dank dem Schreibtisch-Pionier.