An die delikatessen sich schmiegen…
und dann war das letzte Bier mal wieder schlecht...
erst habe ich mich umgebracht.
dann bin ich wieder aufgewacht.
dann habe ich mich umgebracht.
dann bin ich wieder aufgewacht.
dann habe ich mich umgebracht.
dann bin ich wieder aufgewacht.
dann habe ich mich umgebracht.
dann bin ich wieder aufgewacht.
dann habe ich mich umgebracht.
Ernst Jandl
AN DIE HALTLOSIGKEITEN…
Krokus, vom gastlichen
Tisch aus gesehn:
zeichenfühliges
kleines Exil
einer gemeinsamen
Wahrheit,
du brauchst
jeden Halm.
Paul Celan
A SINGLE MAN
Wann sind schöne Gegenstände – also bildende Kunst, Filme, Theaterstücke – trivial? Was macht sozusagen ihre Trivialität aus, gerade wenn und weil sie schön sind oder schön zu sein vorgeben? Was bedeutet es eigentlich, Kunstwerke trivial zu finden und nicht hässlich oder einfach langweilig? Gestern Abend hatte ich das besondere Vergnügen, diese Fragen mal am Einzelfall zu testen: A Single Man von Tom Ford.

Der Plot ist kurz erzählt. Kalifornien 1962: Literaturprofessor Falconer hat sich entschlossen, seinem Leben ein Ende zu setzen. Seit sein Freund bei einem Autounfall umkam, macht irgendwie nichts mehr Sinn. Mit dem 30. November, dem Tag der Handlung, macht er die Farewell-Tour durch sein Leben: Hier noch ein Kompliment der hübschen Sekretärin, dort noch ein engagierter Monolog an seine Studenten – ja, ja, die Angst, und wie sie alles und alle beherrscht („War Huxley ein Antisemit?“). Schließlich noch ein Abendessen bei der exzentrischen Nachbarin, die sich dabei mit Gin betrinkt (Gloria Swanson in ihrer besten Rolle seit Sunset Boulevard). Und schließlich die Nacht der Nächte – sollte man meinen. Weil der Gute aber für den letzten Schritt noch Stärkung braucht, treibt‘s ihn in eine Bar. Da trifft er Kenny, sehr jung, sehr blond und sehr sein Student oder wie‘s so schön in der SZ stand: „Die Flauschigkeit von Kennys Kaschmirpullover sagt mehr über seine Rolle als Verführer und Beschützer als jeder Dialogsatz.“ Es folgen Augenblicke quälender Unsicherheit, ja Unentschlossenheit: Was stellt er bloß als Herr Professor mit diesem nackigen Typen in seiner Wohnung an? Soll er oder soll er nicht? Darf er? Nach mehrerlei Bier hat sich die Frage von allein erledigt: Man schläft einfach. Irgendwie wacht er aber noch mal auf, erlebt nen hellen Augenblick („Es gibt Augenblicke großer Klarheit, wo man nicht mehr denkt, sondern nur noch fühlt“ – oder so ähnlich) und verbrennt die Abschiedsbriefe. Selbstmord abgesagt. Just in diesem Moment rafft ihn ein Herzinfarkt dahin.
Ja, so kann‘s manchmal gehen oder wie Walter Moers den Tod in den 13 ein halb Leben des Käpt’n Blaubär so schön und treffend sagen lässt: „Hör mal zu […], du kannst dich auf den Kopf stellen, aber wann gestorben wird, bestimme immer noch ich. […] Merk dir eins: Ich bin überall da, wo du mich nicht erwartest, aber niemals da, wo du mich suchst. Also gib’s endlich auf!“
Gut, langweilig ist dieser Film nicht, um von der Unmöglichkeit zum Hässlichen mal zu schweigen. Für Langeweile ist er einfach zu gut gearbeitet. Jedes Detail ist eine narrative Funktion und wird damit auch nicht einfach wie ein bloßes Icon sich selbst überlassen in einer nur mehr rudimentären Verweisung auf Abwesendes (das Glück, der Freund, die jouissance oder was man noch so alles vermissen kann). Es hat also eine Geschichte, und es wird ihm nicht selbst die Last der Erzählung aufgebürdet. So auch die filmischen Mittel, die an Manierismus wirklich nichts zu wünschen übrig lassen – Traumsequenzen, Slomos, die Farbenskala innerer Zustände: das ganze Repertoire eines psychologisch geführten Blicks. Und nicht zuletzt das historische Element: Vorabend schwuler Politisierung, die Erwartung unmittelbarer atomarer Vernichtung, Suburbia.
Und diese narrativen Funktionen fungieren nun im besten Sinne als Accessoires. Um dazu noch einmal den SZ-Satz zu zitieren: „Die Flauschigkeit von Kennys Kaschmirpullover sagt mehr über seine Rolle als Verführer und Beschützer als jeder Dialogsatz.“ Ja, genau falsch! Es ist umgekehrt: Seine Rolle als Verführer und Beschützer sagt mehr über den flauschigen Kaschmirpullover, als es tausend Worte und tausend Bilder je vermöchten. Fim-Zeit.de habe wohl geschrieben, wie ich las, manche Rückblenden erinnerten an frühere Campari-Werbung, und in der Tat gibt es da einige Schwarzweißsequenzen (es könnten genauso gut Parfums, Jeans, Schlüpfer, Pralinen etc. sein). Aber auch dieses Element ist nicht einfach kontingent, sondern konstitutiv. Der Film erinnert nicht einfach an einen Werbespot, er ist ein Werbespot – man muss nur schauen wofür. Und da wird’s trivial, und es wird ärgerlich.
Der Punkt ist nicht so sehr, dass hier ein doofer Modemann nen doofen Film mit Mode gemacht hat. Ach wär’s nur so. Gestern nach dem Kino sagte ich zu einer Freundin (sie heißt Charly und wohnt nebenan): „Was für ein Trash“. Ich muss das Kompliment leider wieder zurücknehmen. Denn: Für was macht dieser Film nun eigentlich Reklame?
Hierzu gibt es eine Schlüsselszene. Rückblende: Herr Professor und sein Freund auf dem Sofa. Sie lesen, und sie hören Musik dazu. Herr Professor hat Kafka bei Händen, das Gespons Breakfast at Tiffany’s. Der zukünftigen Leiche entfährt der Satz: „Ich bin so glücklich. Ich könnte jetzt auch sterben“ (oder so ähnlich). Das sei also der Inbegriff des „höchsten Augenblicks“. Der Sehnsuchtsort des Films ist ein Sofa. Und da schnurren die Accessoires, diese ganzen Details, die in diesem Film werben und für die dieser Film wirbt, zusammen zu bloßem bürgerlichen Interieur. Ausstellungsstücke der Weltvergessenheit. Nicht Mode, sondern bloße Exponate, Sachen, Kram. Das Mercedes-Coupé ist nur ein Auto, mit dem man zur Arbeit fährt und das bei den Nachbarn was hermacht. Die innere Leere der Figuren damit also nicht Schicksal, das unverdient über sie käme. Es ist das Schicksal, das instrumentelles Denken nun einmal ereilt und gerade auch jene, die es sich zu Hause mal so richtig schön machen wollen.
Im Kino ist viel geweint worden. Ich habe das gestern schon nicht verstanden. Aber Fluch denjenigen, die von diesem Film gerührt sind. Sie sollen von ihren Sofas, ihren Fernsehsesseln, von ihren Taschentüchern verschlungen werden.
TRAUERARBEIT
Da ich mich neben der Nachhilfe nun auch mit den traurigen Dingen des Alltags beschäftige (Tod, Kapitalismus, Versagen etc.), nun vielleicht doch noch ein etwas qualifizierterer Beitrag zur Trauerforschung. In meinem Freundeskreis (sagt man das überhaupt noch?) gibt es eine Frau B. Frau B. ist seit einigen Tagen Single – unfreiwillig. Herr S. hat sich nämlich nach drei Jahren Beziehung von ihr getrennt – im Treppenhaus, das ging ganz schnell über die Bühne, der hatte sich richtig im Griff. Das war für Frau B. nicht ganz unerwartet, am Ende dann aber doch überraschend. Nun sind Trennungen gemeinhin (wenigstens für eine der beteiligten Personen) eine traurige Angelegenheit (Gibt es einvernehmliche Trennungen oder ist das auch bloß eine ideologische Verbrämung eines immanenten Widerspruchs wie z.B. „soziale Gerechtigkeit“?). Das Traurige an Trennungen ist, jedenfalls für mich, dass sie irgendwie mit Endgültigkeit zu tun haben (selbst wenn die Trennung sich schließlich nur als kurzes Aufatmen herausstellt bis zum nächsten Anlauf auf gemeinsame Beziehungshürden). Die Arbeit an einer solchen Trauer besteht oft darin, die Erkenntnis der Endgültigkeit auf Dauer zu stellen und daran nicht dauerhaft zu leiden. Frau B. steht da noch ganz am Anfang. Und der wird schwer, weil der Herr S. sich nicht zu blöde war, auch noch kräftig hinterher zu treten. Dass das sowieso nur eine Freundschaft war, die „irgendwie“ ins Sexuelle abgeglitten sei, und dass er nach einer romantischen Liebe suche (wie rührend!), die er mit ihr nicht haben kann, und dass er das von Anfang an wusste (Frau B. wusste das nun eben leider nicht). Ja, das musste er unbedingt loswerden. Und das hat gesessen. Frau B. fühlt sich nun wie ein bloßer Platzhalter, so ne Art Wärmflasche mit Ohren. Ganz mit Recht fragt sie, wie habe er ihr diese Dinge vorenthalten können.
Die Wahrheit ist leider: Wenn er ihr gesagt hätte: Du, B., du bist bloß n Platzhalter in meinem Bett, bis die Richtige kommt, dann hätte sie die Beine aus dem Bett geschwungen, ihm den Finger zum Abschied hingehalten und wäre in die klare Winterluft gestiefelt. Ja, sie wäre also weg gewesen, und wer hätte dann den Platz in seinem Bett frei und warm gehalten? Zu dieser ganzen Platzhaltergeschichte gehört also ein gewisses Maß an Verlogenheit Und offenbar: Verkennung.
Wiktor Pelewin hat einmal ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Dialektik der Übergangsperiode aus dem Nirgendwoher ins Nirgendwohin“. Die Übergangsperiode aus dem Nirgendwoher ins Nirgendwohin beschreibt diese ganze Platzhalter-Idee des Herrn S.
Ich will mich der Sache gar nicht so vom hohen moralischen Ross her nähern, denn es verbindet sich mit ihr ein ganz erstaunlicher Vorgang. Frau B. hat nun in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis – wie man sich denken kann – ihre Sicht der Dinge dargestellt. Das Erstaunliche nun ist für mich die Empörung ihres Umfelds. Nun gehören Solidaritätsbekundungen der Freunde zum Trennungskampf um die Deutungshoheit des Geschehens dazu und ich finde, ganz zu Recht (wer schon einmal mit einem Pärchen befreundet war, das sich dann trennte, weiß vielleicht, dass es – wenigstens für eine kurze Zeit – hier keine unparteiische Freundschaft geben kann)! Die Solidarität der Freunde von Frau B. – auch meine – geht aber doch irgendwie zu weit. Seltsamerweise gibt es zu Herrn S. nichts zu sagen. Man kann da nichts erklären oder deuten. Man kann den Vorgang auch nicht von einer anderen Seite beleuchten. Genau genommen gibt es nicht mal eine andere Sicht der Dinge, seine oder wessen immer. Und ich glaube, das liegt an dieser Platzhalter-Sache. Hier wären wir also bei der Verkennung.
Irgendwie erscheint der Platzhalter als Übergangsperiode, bis endlich das Authentische, das Eigentliche, die jouissance blüht. Jetzt habe ich mich gerade verirrt, aber der Platzhalter ist die, der, das, was den Weg raus zeigt. Zeichen, Signal, Index dessen, was gerade nicht da ist und zugleich als Abwesenheit, als Negation vorhanden. Ihm oder ihr muss ich nur folgen, und wenn ich die Lichtung betrete, tritt der Platzhalter zurück in jenes Dunkel, aus dem ich gerade gekommen bin. Dann wäre also der Platzhalter eine Art leeres Zeichen, in dem die Leere des Subjekts ihre Entsprechung findet und durch dessen Leere allein ich die Ökonomie der Abwesenheit als Differenz bemeistere – in meine Zukunft spreche, fühle, agiere. Wie ungemütlich.
Da gibt’s ja vielerlei Beispiele: Ich mach den Nachhilfejob, bis ich was Besseres finde. Ich lese Simon Beckett, bis ich wieder Zeit habe, ein „echtes“ Buch zu lesen. Ich spreche von Liebe. Ich esse Knäckebrot etc.
Und besser noch: Im Platzhalter spiegelt sich die systematische Ausschließung unserer Bedürfnisse aus jener Ordnung, in der Sachen einen Wert für uns annehmen. Was ich brauche ist wertlos (von ihm bin ich durch die Ordnung getrennt) und was wertvoll ist, kann ich zu nichts gebrauchen (das muss ich losschlagen, veräußern, gegen das, was ich brauche, eintauschen). Das ist dann also nicht einfach eine individuelle Verwechselung der Strukturen bürgerlicher Ökonomie mit sozialer Interaktion. Der Herr S. denkt nicht instrumentell, sondern macht einfach das, was er schon kennt. Und hier wird’s dann wirklich ungemütlich.
Viele Freunde von Frau B. verbanden dementsprechend ihre Empörung mit der Frage: Ja, muss man das denn so sagen? Nein, man muss nicht. Darum ein Dank an Herrn S. für seine Hellsichtigkeit und Wahrheitsliebe, in der sich meine Verkennung und Verlogenheit nur empört spiegeln können.
NACHHILFE II
Nun gut - mein Steckenpferd der Nachhilfe ist Deutsch. Deutsch für alle Altersklassen, aber ganz bescheiden, wähle ich mein Material aus der Süddeutschen erst mal für die Klasse 8. Also: Interpretationshilfe, Deutsch, Lyrik der Jahrtausendwende. Frage: Wer oder was ist hier das lyrische Ich?
Man beachte bitte zunächst an dieser Todesanzeige für Frau Hasemann, dass ihre "Vizetöchter" (Ich kenne Vizepräsidenten, Vizeweltmeister etc. - Wie kann man bitte das Vizekind von jemandem sein, und was zum Henker treiben die richtigen Kinder gerade, wenn ihre Stellvertreterinnen sich um den Beerdigungskram kümmern müssen?) - dass also die "Vizetöchter" besonders Würde und Disziplin der Toten loben. Was hat man sich nun unter einer undisziplinierten und sich würdelos gebärdenden Leiche vorzustellen? Eben!
Und es wird noch interessanter: Da zitieren sie also den Eichendorff und seine "Mondnacht". Wer oder was ist hier - ich fragte schon danach - das lyrische Ich? Wir können nur hoffen, dass Babs und Wendy sich selbst meinen und ihrer unendlichen Sehnsucht nach der Vizemutter Ausdruck geben wollten. Ansonsten bliebe noch die Gertraud selbst. Babs und Wendy wünschen wohl, dass ihre Seele durch die stillen Lande fliegt - diszipliniert und würdevoll, am besten dahin, wo sie als Seele hingehört: Gott sei bei uns!
Résumé: Ein weiterer Fall von symbolischem Exorzismus. Und da wären wir auch schon wieder beim Religionsunterricht.