An die delikatessen sich schmiegen…
und dann war das letzte Bier mal wieder schlecht...
erst habe ich mich umgebracht.
dann bin ich wieder aufgewacht.
dann habe ich mich umgebracht.
dann bin ich wieder aufgewacht.
dann habe ich mich umgebracht.
dann bin ich wieder aufgewacht.
dann habe ich mich umgebracht.
dann bin ich wieder aufgewacht.
dann habe ich mich umgebracht.
Ernst Jandl
“Freiheitlich liebende Menschen”
Gerade warte ich auf den Waschmaschinenmonteur - genau genommen warte ich seit Stunden. Und nichts Besseres habe ich mehr zu tun, als mir einen merkwürdigen Video-Blog der SZ anzuschauen: Summa summarum von Marc Beise - seines Zeichens der Leiter der Wirtschaftsredaktion. Nun - der Herr Beise ist promovierter Rechtswissenschaftler und Volkswirt (das wird noch wichtig). Zunächst einmal ist er hier zu sehen, wie er dynamisch das Redaktionsgebäude durchschreitend sein Büro im 23. Stock! betritt. Ein Dagobert-Duck-Zitat scheint dabei irgendwie den Wahlspruch der Redaktion abzugeben (oder des SZ-Verlags? Man weiß es nicht) - "Und es in die Luft zu schmeißen, daß es mir auf die Glatze prasselt". Ähhh - ja!
Nun. Thema des Beitrags ist die Rücktrittswelle, die das politische Personal erfasst hat und - oh Graus, den wirtschaftspolitischen Sachverstand der Republik hinwegspült, dass es dem Herrn Beise ganz Angst und Bange wird.
Man muss, so Herr Beise, als "freiheitlich liebender Mensch" nicht Kochs Ansichten zur Sicherheits- und Innenpolitik teilen, aber wirtschaftspolitischen Verstand, den hat er. Als freiheitlich liebender Mensch - und ich zähle mich dazu - sollte man überhaupt keine Auffassung Kochs teilen, aber nun gut. Besser noch - auch Horst Köhler soll finanz- und wirtschaftspolitisch Angela Merkel beraten haben. Ja. Bestimmt! Man muss nicht wie ich jeden Tag ne Stunde SZ lesen, um zu wissen, dass das Quatsch ist.
Jetzt also perdu der ganze Sachverstand und Marc Beise versucht sich an einer Anordnung, die die übrig gebliebene Connaissance "visualisieren" soll: 622 kunterbunte Mensch-ärger-dich-nicht-Männl, die für die MdBs stehen. Die wiederum sind in Gruppen eingeteilt, die ihrerseits die verschiedenen Berufsfelder repräsentieren. Aus dem Beruf eines Menschen lässt sich nämlich der wirtschaftliche Sachverstand ablesen, wie Herr Beise meint. Nun. Es gibt ja auch Leute, die aus Kaffeesatz die Zukunft deuten, nur arbeiten die für gewöhnlich nicht bei einer großen Tageszeitung. Herr Beise kommt bei dieser Visualisierung zu dem Ergebnis, dass man zunächst die "unselbständig Beschäftigten" in Hinsicht ökonomischer Kundigkeit gleich ganz vergessen kann (gleichwohl er sich selbst dazu zählt). Aber auch die Selbständigen, sofern es sich um Juristen, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater handelt, sind nicht wirklich ernst zunehmen (man erinnere seine Ausbildung!). Übrig bleiben am Ende in Herrn Beises Rechnung 53 MdBs, die "vielleicht einmal selber ein Unternehmen gegründet haben" und deswegen "die Wirtschaft verstehen". Also, für Marc Beise besitzt der oder die wirtschaftspolitischen Sachverstand, der oder die ein Unternehmen führt oder geführt hat. "Die wissen nämlich, dass das Geld nicht aus dem Geldautomaten kommt und so weiter." Und so weiter, ja ja. Friseure, Bäckerinnen und allen voran natürlich Altenpfleger denken nämlich, das Geld kommt aus dem Geldautomaten. Dass man für 1200 netto irgendwie auch zur Arbeit muss, wissen die nicht. Darum sind se ja auch so oft aufm Amt. "Und so weiter".
Diese Logik "wirtschaftspolitischen Sachverstands" ist ungefähr so, als wäre Einstellungsvoraussetzung für einen Onkologen am Universitätsklinikum, selbst schwer an Krebs erkrankt zu sein. Man kann das so halten, muss es aber nicht. "Denken Sie mal darüber nach!", rät der Herr Beise. Nee - besser nicht!
Übrigens - der Waschmaschinenmensch war gerade da. 200 Tacken. Vielleicht hätte ich gleich eine Waschmaschine kommen lassen sollen, und schon hat Marc Beise irgendwie wieder Recht. Und deswegen hier noch der Vlog-Beitrag:
VERSTIMMUNG
Vielleicht ist es meine Prüfungsvorbereitung, vielleicht dieser Mai, vielleicht meine Erkältung - ich weiß es nicht. Aber mich hat bei meiner Lektüre eine Textstelle in Krachts "Faserland" beschäftigt, die mir vorher nie aufgefallen war. Genau genommen hat sie mich ziemlich getroffen, was ich mir gar nicht erklären kann, aber am Ende versucht man es ja doch...
Wie funktioniert das nun eigentlich, wenn man sich an jemanden wendet, den man nicht kennt, obwohl oder gerade weil man den Menschen nicht kennt, aber das Bild - obwohl oder gerade weil es sich um eine Hülle handelt, Projektion, Gefäß? Wie entsteht dieses symbolisch aufgeladene Bild und was heißt dann das Denken dieses Bildes?
"Also, ich rauche meine Zigarette, die mir gar nicht gut schmeckt, und ich merke, daß ich eigentlich hundemüde sein müßte, weil ich ja diese Nacht nicht geschlafen habe, aber komischerweise fühle ich mich überhaupt nicht müde, sondern völlig wach, so als ob ich die Müdigkeit schon überwunden hätte, und ich drücke den Service-Knopf, und als die Stewardeß kommt, bestelle ich einen Kaffee und einen Bourbon, obwohl es erst acht Uhr morgens ist. Ich denke weiter an Isabella Rossellini, eigentlich lasse ich meine Gedanken über Isabella gleiten, wenn man das so sagen kann. Ich meine, ich berühre sie nicht, ich denke auch nicht direkt an sie, sondern lasse sie am Rand meiner Gedanken auftauchen, ohne ihr näherzutreten oder mit ihr zu sprechen, ohne sie anzusehen."
(Kracht, Faserland)
A SINGLE MAN
Wann sind schöne Gegenstände – also bildende Kunst, Filme, Theaterstücke – trivial? Was macht sozusagen ihre Trivialität aus, gerade wenn und weil sie schön sind oder schön zu sein vorgeben? Was bedeutet es eigentlich, Kunstwerke trivial zu finden und nicht hässlich oder einfach langweilig? Gestern Abend hatte ich das besondere Vergnügen, diese Fragen mal am Einzelfall zu testen: A Single Man von Tom Ford.

Der Plot ist kurz erzählt. Kalifornien 1962: Literaturprofessor Falconer hat sich entschlossen, seinem Leben ein Ende zu setzen. Seit sein Freund bei einem Autounfall umkam, macht irgendwie nichts mehr Sinn. Mit dem 30. November, dem Tag der Handlung, macht er die Farewell-Tour durch sein Leben: Hier noch ein Kompliment der hübschen Sekretärin, dort noch ein engagierter Monolog an seine Studenten – ja, ja, die Angst, und wie sie alles und alle beherrscht („War Huxley ein Antisemit?“). Schließlich noch ein Abendessen bei der exzentrischen Nachbarin, die sich dabei mit Gin betrinkt (Gloria Swanson in ihrer besten Rolle seit Sunset Boulevard). Und schließlich die Nacht der Nächte – sollte man meinen. Weil der Gute aber für den letzten Schritt noch Stärkung braucht, treibt‘s ihn in eine Bar. Da trifft er Kenny, sehr jung, sehr blond und sehr sein Student oder wie‘s so schön in der SZ stand: „Die Flauschigkeit von Kennys Kaschmirpullover sagt mehr über seine Rolle als Verführer und Beschützer als jeder Dialogsatz.“ Es folgen Augenblicke quälender Unsicherheit, ja Unentschlossenheit: Was stellt er bloß als Herr Professor mit diesem nackigen Typen in seiner Wohnung an? Soll er oder soll er nicht? Darf er? Nach mehrerlei Bier hat sich die Frage von allein erledigt: Man schläft einfach. Irgendwie wacht er aber noch mal auf, erlebt nen hellen Augenblick („Es gibt Augenblicke großer Klarheit, wo man nicht mehr denkt, sondern nur noch fühlt“ – oder so ähnlich) und verbrennt die Abschiedsbriefe. Selbstmord abgesagt. Just in diesem Moment rafft ihn ein Herzinfarkt dahin.
Ja, so kann‘s manchmal gehen oder wie Walter Moers den Tod in den 13 ein halb Leben des Käpt’n Blaubär so schön und treffend sagen lässt: „Hör mal zu […], du kannst dich auf den Kopf stellen, aber wann gestorben wird, bestimme immer noch ich. […] Merk dir eins: Ich bin überall da, wo du mich nicht erwartest, aber niemals da, wo du mich suchst. Also gib’s endlich auf!“
Gut, langweilig ist dieser Film nicht, um von der Unmöglichkeit zum Hässlichen mal zu schweigen. Für Langeweile ist er einfach zu gut gearbeitet. Jedes Detail ist eine narrative Funktion und wird damit auch nicht einfach wie ein bloßes Icon sich selbst überlassen in einer nur mehr rudimentären Verweisung auf Abwesendes (das Glück, der Freund, die jouissance oder was man noch so alles vermissen kann). Es hat also eine Geschichte, und es wird ihm nicht selbst die Last der Erzählung aufgebürdet. So auch die filmischen Mittel, die an Manierismus wirklich nichts zu wünschen übrig lassen – Traumsequenzen, Slomos, die Farbenskala innerer Zustände: das ganze Repertoire eines psychologisch geführten Blicks. Und nicht zuletzt das historische Element: Vorabend schwuler Politisierung, die Erwartung unmittelbarer atomarer Vernichtung, Suburbia.
Und diese narrativen Funktionen fungieren nun im besten Sinne als Accessoires. Um dazu noch einmal den SZ-Satz zu zitieren: „Die Flauschigkeit von Kennys Kaschmirpullover sagt mehr über seine Rolle als Verführer und Beschützer als jeder Dialogsatz.“ Ja, genau falsch! Es ist umgekehrt: Seine Rolle als Verführer und Beschützer sagt mehr über den flauschigen Kaschmirpullover, als es tausend Worte und tausend Bilder je vermöchten. Fim-Zeit.de habe wohl geschrieben, wie ich las, manche Rückblenden erinnerten an frühere Campari-Werbung, und in der Tat gibt es da einige Schwarzweißsequenzen (es könnten genauso gut Parfums, Jeans, Schlüpfer, Pralinen etc. sein). Aber auch dieses Element ist nicht einfach kontingent, sondern konstitutiv. Der Film erinnert nicht einfach an einen Werbespot, er ist ein Werbespot – man muss nur schauen wofür. Und da wird’s trivial, und es wird ärgerlich.
Der Punkt ist nicht so sehr, dass hier ein doofer Modemann nen doofen Film mit Mode gemacht hat. Ach wär’s nur so. Gestern nach dem Kino sagte ich zu einer Freundin (sie heißt Charly und wohnt nebenan): „Was für ein Trash“. Ich muss das Kompliment leider wieder zurücknehmen. Denn: Für was macht dieser Film nun eigentlich Reklame?
Hierzu gibt es eine Schlüsselszene. Rückblende: Herr Professor und sein Freund auf dem Sofa. Sie lesen, und sie hören Musik dazu. Herr Professor hat Kafka bei Händen, das Gespons Breakfast at Tiffany’s. Der zukünftigen Leiche entfährt der Satz: „Ich bin so glücklich. Ich könnte jetzt auch sterben“ (oder so ähnlich). Das sei also der Inbegriff des „höchsten Augenblicks“. Der Sehnsuchtsort des Films ist ein Sofa. Und da schnurren die Accessoires, diese ganzen Details, die in diesem Film werben und für die dieser Film wirbt, zusammen zu bloßem bürgerlichen Interieur. Ausstellungsstücke der Weltvergessenheit. Nicht Mode, sondern bloße Exponate, Sachen, Kram. Das Mercedes-Coupé ist nur ein Auto, mit dem man zur Arbeit fährt und das bei den Nachbarn was hermacht. Die innere Leere der Figuren damit also nicht Schicksal, das unverdient über sie käme. Es ist das Schicksal, das instrumentelles Denken nun einmal ereilt und gerade auch jene, die es sich zu Hause mal so richtig schön machen wollen.
Im Kino ist viel geweint worden. Ich habe das gestern schon nicht verstanden. Aber Fluch denjenigen, die von diesem Film gerührt sind. Sie sollen von ihren Sofas, ihren Fernsehsesseln, von ihren Taschentüchern verschlungen werden.
ROLAND, der zweite
Auf Wunsch eines Asphalt-Cowboys - das Gegengift, antidote, pharmakon...
Dämonen
3. Wie vertreibt man einen Dämon (altes Problem)? Die Dämonen, vor allem, wenn sie sprachlicher Herkunft sind (und was wären sie sonst?), werden mit Mitteln der Sprache bekämpft. Ich darf also hoffen, das dämonische Wort auszutreiben, das mir (von mir selbst) eingeflüstert worden ist, wenn ich es (vorausgesetzt, ich habe das Sprachtalent dazu) durch ein anderes, friedfertigeres ersetze (ich greife zur Euphemie). Nämlich so: ich glaube mich endlich der Krise entronnen, und da werde ich auch schon - unter dem Einfluß einer langen Autofahrt - von uferloser Redseligkeit übermannt, ich höre nicht auf, mich in Gedanken an den Anderen, im Verlangen nach ihm, in der Sehnsucht, in der Aggression ihm gegenüber zu ereifern; und ich bin gezwungen, über diese Wunden hinaus entmutigt konstatieren zu müssen, daß ich einen Rückfall erleide; aber das französische Vokabular ist ein wahres Arzneibuch (einerseits Gift, andererseits Heilmittel): nein, das ist kein Rückfall, das ist lediglich ein letztes Zucken des vorigen Dämons.
(Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe)
ROLAND
Der Unheilbare
4. Es gibt zwei Arten von Bejahung der Liebe. Am Anfang, wenn der Liebende dem Anderen begegnet, steht zunächst die unverzügliche Bejahung (psychologisch: Betörung, Begeisterung, Überschwenglichkeit, verrückte Projektion einer beglückten Zukunft: ich werde vom Verlangen, vom Zwang verzehrt, glücklich zu sein): ich sage zu allem ja (und mache mich damit blind). Es folgt ein langer Tunnel: mein erstes ja wird von Zweifeln untergraben, die Liebe als Wert ist unaufhörlich von Entwertung bedroht: das ist der Zeitpunkt der traurigen Leidenschaft, der Heraufkunft von Ressentiment und Opfer. Aus diesem Tunnel kann ich jedoch wieder auftauchen; ich kann ihn "überwinden", ohne ihn zu beseitigen; was ich ein erstes Mal bejaht habe, kann ich von neuem bejahen, ohne es zu wiederholen, denn was ich dann bejahe, ist die Bejahung, nicht die Zufälligkeit: ich bejahe die erste Begegnung in ihrer Differenz, ich will ihre Wiederkehr, nicht ihre Wiederholung. Ich sage zum (alten oder neuen) Anderen: Beginnen wir von neuem.
(Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe)
