NOCH ETWAS ZUR DEKADENZ
Ich möchte in diesem Zusammenhang auf einen Beitrag von David Pachali in der Berliner Gazette zu sprechen kommen. Westerwelle-Bashing hatte er sich da zum Thema genommen und die Empörung, die sich gegen „Klientelpolitik“ und ihren vermeintlichen Exponenten Westerwelle Bahn bricht. Pachali erinnert nicht zu Unrecht daran, dass in der repräsentativen Demokratie die Vertretung von Interessen das politische Tagesgeschäft ausmacht. Lobbyismus, gar Interessenvertretung überhaupt zu verurteilen, ist folglich bestenfalls naiv und schlimmstenfalls verlogen. Befremdlich also die allgemeine Ablehnung, die Westerwelle so tagaus, tagein entgegenschlägt. Befremdlich, und doch nicht unverdient, Stichwort: spätrömische Dekadenz. Das Polemisieren gegen die Schwächsten, wie Pachali schreibt, „schickt sich nicht“, und „mehr muss man dazu nicht sagen“.
Was sich in politischen Angelegenheiten schickt und was sich nicht schickt, betrifft keine moralischen Fragen, sondern Fragen des guten Geschmacks. Nun mag man gemeinhin den Geschmack nicht als harte politische Münze nehmen, aber in repräsentativen politischen Gefügen entscheiden diese Geschmacksfragen zuweilen alles. Hannah Arendt hat einmal in diesem Zusammenhang auf Kants transzendentales Prinzip der Publizität verwiesen: „Alle Maximen, die der Publizität bedürfen (um ihren Zweck nicht zu verfehlen), stimmen mit Recht und Politik vereinigt zusammen“ (Zum ewigen Frieden). Das soll heißen, jede Äußerung, jede Unterredung und jede Tat, die sozusagen das „Licht der Öffentlichkeit“ nicht scheuen muss, ja, dessen um ihrer Gelingen willen sogar bedarf, ist rechtens und „schicklich“.
Herr Westerwelle möchte nun die Sozialversicherungssysteme – ja nennen wir es ruhig so – umbauen. Das liegt im Interesse der von ihm antizipierten Wählerschaft, der’s eben nicht genug im Geldsäcklein klingelt, und er versucht dafür allgemeine Zustimmung zu generieren. Folglich schickt sich sein Verhalten sehr wohl. Mehr ist dazu nicht zu sagen? – Eben.
Dieses Verhalten ist schicklich unter den Bedingungen der bürgerlichen politischen Ökonomie, also des Kapitalismus. Pachalis Ansatz eines pragmatischen Liberalismus, der mit den gegebenen politischer Institutionen operiert als Vermittlung der gesellschaftlichen Antagonismen, verkennt, dass es politisch, wenn es „auf Kosten der Schwächsten“ geht, alles andere als irrelevant ist, wer spricht. Gesellschaftliche Interessen stehen sich nämlich nicht äquivalent gegenüber, und ihre Repräsentation ist selbst ein „Regime des Sinnlichen“ (Jacques Rancière), aus der das Unrecht systematisch ausgeschlossen ist. Das politische Tagesgeschäft der Interessenvertretung besteht also darin, die „Interessen der Schwächsten“ einerseits zu konstituieren und andererseits zu delegitimieren, zu sagen, die Ungerechtigkeit, ja das Unrecht sind gar nicht vorhanden. Und da schließt sich der Kreis, denn wer bestrebt schließlich etwas anderes als ihm oder ihr zusteht? Das artikulierte bzw. repräsentierte Interesse selbst ist immer rechtens und jeder erhält, was er verdient (suum cuique).
24-STUNDEN-AMEISE
Über die Süddeutsche bin ich auf den Schmidt-Sting-Pain-Index gestoßen, der die Schmerzen durch Insektenstiche skaliert:
| 1.0 | Leicht, flüchtig, fast fruchtig. Als ob ein winziger Funke ein einziges Haar auf dem Arm ansengt | Blutbienen, Furchenbienen |
| 1.2 | Scharf, plötzlich, etwas beunruhigend. Als ob man über einen Flokatiteppich läuft, sich statisch auflädt und einen elektrischen Schlag bekommt | Feuerameisen |
| 1.8 | Ein seltener, stechender, irgendwie hoher Schmerz. Als ob jemand eine Heftklammer in deine Wange schießt | Knotenameisen |
| 2.0 | Reichhaltig, herzhaft, und heiß. Als ob jemand eine Zigarre auf deiner Zunge auslöscht | Kurzkopfwespen, Dolichovespula maculata |
| 2.x | Wie ein Streichholz, das auf deiner Haut entzündet wird und darauf abbrennt | Honigbienen, Hornissen |
| 3.0 | Ätzend, brennend und unerbittlich. Als ob jemand einen Bohrer benutzt, um einen eingewachsenen Zehennagel freizulegen oder man einen Becher mit Salzsäure über eine Schnittwunde schüttet | Ernteameisen, Feldwespen |
| 4.0 | Heftig, blendend, furchtbar elektrisch. Als ob jemand einen laufenden Haartrockner in dein Schaumbad fallen lässt | Tarantulafalke |
| 4.x | Reiner, intensiver, strahlender Schmerz. Als ob man über glühende Kohlen läuft und dabei einen sieben Zentimeter langen, rostigen Nagel in der Ferse stecken hat | 24-Stunden-Ameise |
Nun, was mich anbelangt, war mein Wochenende eher so "Kurzkopfwespe".
TIERE IN DER GROSSSTADT
Ja – eigentlich sollte der Blog mit einer Reihe über die üppige Flora und Fauna der Stadt anfangen. Und tatsächlich gibt es zu dem Thema ja einiges zu sagen – wenn Dir der Fuchs nachts im Park über den Weg läuft („Chaos reigns!“ – aber wirklich. Da muss ich keine Naturimagination des 19. Jahrhunderts abfilmen, um zu dieser Auffassung zu kommen). Chaos reigns – da lässt sich doch die Frage stellen, warum Fuchs, Igel, Hase und wie sie alle heißen, ein so gedeihliches Auskommen im „Großstadtdschungel“ haben, während manchereins und mancherlei oberhalb der Parks in der Dressur und Diziplin der Lohnarbeit ihr hartes Brot teilen. Aber genug davon – eigentlich sollte es um Belästigung durch Tiere gehen und nun ja, Tierfeindschaft. Wieder ein ähnliches Phänomen: Zwar kann man seine Abscheu vor Menschen in einen knackigen Begriff fassen – Misanthropie, aber wie stets um einen, der mal ausnahmsweise nicht die Tiere liebt und die Menschen hasst, sondern umgekehrt? (Um Hilfe wird hier ausdrücklich gebeten.) Kurz: Tieren geht es doch noch viel zu gut. Die sollen mal arbeiten lernen (Ochsen, Esel und anderes Ackervieh sind hier keine Entschuldigung – die machen das nämlich gern!)
Tiere in der Großstadt: Ich habe ein Tierproblem. Nicht nur, dass diverse Tauben, Amseln, Elstern und anderes Gefieder meine morgendliche Ruhe stören, nein, es gibt da diese Katze. Irgendwie muss sie eine Psychose entwickelt haben. Jedenfalls läuft sie rund um die Uhr im Hinterhof hin und her und schreit. Das kann man mal ne Woche, vielleicht auch zwei Wochen hinnehmen und sich selbst dabei sozusagen von der stoischen Seite kennenlernen. Ein halbes Jahr geht das nicht. Da ist man dann kurz davor, selbst eine Psychose zu entwickeln, und wie das mit den psychischen Erkrankungen nun einmal bestellt ist:
„Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns, es bringt uns zuviel Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben. Um es zu ertragen, können wir Linderungsmittel nicht entbehren. […] Solcher Mittel gibt es vielleicht dreierlei: Mächtige Ablenkungen, die uns unser Elend geringschätzen lassen, Ersatzbefriedigungen, die es verringern, Rauschstoffe, die uns für dasselbe unempfindlich machen. Irgend etwas dieser Art ist unerläßlich.“ (Freud)
Da die Revolution nicht unmittelbar vor der Haustür steht („mächtige Ablenkung“), habe ich mich also auf das Dichten verlegt („Ersatzbefriedigung“). Nun – ich hatte mich an einem Sonett versucht: „Katze von Eiszapfen gespalten“. Erkenntnis: Ich bin kein Dichter. Über Zeile 3 habe ich es nicht herausgebracht und so habe ich mich wieder meinem bekannten Linderungsmittel hingegeben: Schnaps. Aber das hält mich nicht davon ab, diese drei Zeilen – quasi als Protokoll des Scheiterns – hier zum Besten zu geben:
Katze von Eiszapfen gespalten
In meinem Hinterhof wohnt eine Katze.
Sie mauzt des nächtens und an allen Tagen.
Kein Stein, kein Hund, kein Gift kann sie verjagen…
Ja – reden wir also nicht mehr über Tiere, reden wir vom Scheitern, der menschlichen Substanz par excellence. Darin schwimmt er ja wie ein Fisch im Wasser. Wenn das Menschliche nach Aristoteles im sprechenden Tier zu suchen ist, dann wird es scheinbar tierisch, wenns um den schweigenden Menschen geht. Und wer schweigt schließlich beredter als der Loser, der Versager, der Nichtskönner, das Opfer? Nun handelt es sich beim Versagen grundsätzlich um eine Singularität – sozusagen eine Ausnahme von der Regel. Gutes Beispiel sind hier die failed states. Seltsamerweise kommt ja kaum jemand auf die Idee, dass nicht Haiti, Somalia oder Afghanistan das Problem sind, sondern das die Schwierigkeit irgendwie schon beim Konzept anfängt. (Man muss nicht Agamben gelesen haben, um von der Unmöglichkeit zu wissen, „daß das System funktioniert, ohne sich in eine tödliche Maschine zu verwandeln.“)
Jedenfalls so auch der Loser, er ist also eo ipso ein trauriger Tropf, der sich einsam und verlassen von den Traumgesängen einer graugetigerten Katze mächtig vom eigenen Versagen abzulenken weiß (Ist Hass nicht auch eine qualifizierte Form der Zuneigung? Wo bist du, Mulle? – Sie schweigt seit drei Wochen und der Eiszapfen ist auch weg. Ui!). Ja, die traurigen Tröpfe. Das Problem am Scheitern, am Versagen und Straucheln ist ja nicht das Straucheln – sondern das Aufstehen („Der raue Weg zu den Sternen“ – mit meinen Pall Mall inhaliere ich das süße amerikanische Gift). Nein im Ernst, das Problem am Straucheln ist ja nicht, dass da ein glorreiches, überfrohes Selbstbild mit dem schläfrigen Tier in mir wie der geschwungenen Peitsche des Kapitalismus in Konflikt geriete. Das Problem des Strauchelns ist auch nicht eine unermessliche Erkenntnis und Drohung der Norm (eine ganz zivile Drohung, die nichts damit zu tun hat, das Blut fließen zu machen – vielmehr es auszutrocknen und versiegen zu lassen). Um das Subjekt in Angst zu versetzen, bedarf es nun wirklich nicht der Überschreitung („Deh, non varcar quell´onda, /Anima del cor mio”). Da is dann ja nun auch alles zu spät. (Was uns ängstigt und zutiefst verstört, ist deshalb auch immer das Scheitern der Anderen – da kann man ja gar nicht hinsehen. „Fremdschämen“ ist hier ein Stichwort – wie von einem Befehl zusammengerufen, dem Untergang des Anderen beiwohnen zu müssen.)
Das Problem des Strauchelns ist also die Unmöglichkeit des Sagens. Nun mag es sein, dass dieser Loser oder jener Versager schon immer aus seinem Herzen eine Mördergrube gemacht hat – individuelle Dispositionen (Ach? Sind sie das?) sind aber nicht der Punkt. Der Loser, der nur in einem Verhältnis zur eigenen Unmöglichkeit seine Konsistenz hat, kann deshalb nicht sprechen, weil das Scheitern in der Sprache keinen Ort hat. Es ist dasjenige, was immer schon aus der Sprache hinausgegangen ist. Chaos reigns! Und in diesem Sinn: Prost!