Cock a Leekie

22Jun/100

for the love of god & die NEO-DECADENCE

20Mai/100

ERNST MACH, Fin de siècle & die Dekadenz

Da ich nach wie vor bzw. schon wieder in Prüfungsvorbereitungen versinke - Dandyismus und Dekadenz, also ein unendlicher Anlass zur Prokrastination -, habe ich mich in diesem Zusammenhang an den Empiriokritizismus und Ernst Mach erinnert. Und hier vielleicht der schönste Teil aus seinem Werk "Die Analyse der Empfindung" (1886):

"Liege ich z.B. auf einem Ruhebett, und schließe das rechte Auge, so bietet sich meinem linken Auge das Bild der folgenden Figur 1.  In einem durch den Augenbrauenbogen, die Nase und den Schnurrbart gebildeten Rahmen erscheint ein Teil meines Körpers, so weit er sichtbar ist, und dessen Umgebung.

Mein Leib unterscheidet sich von den andern menschlichen Leibern nebst den [sic] Umstande, dass [sic] jede lebhaftere Bewegungsvorstellung sofort in dessen Bewegung ausbricht, daß dessen Berührung auffallendere Veränderungen bedingt als jene anderer Körper, dadurch daß er nur teilweise und insbesondere ohne Kopf gesehen wird."

10Mai/100

NOCH ETWAS ZUR DEKADENZ

Ich möchte in diesem Zusammenhang auf einen Beitrag von David Pachali in der Berliner Gazette zu sprechen kommen. Westerwelle-Bashing hatte er sich da zum Thema genommen und die Empörung, die sich gegen „Klientelpolitik“ und ihren vermeintlichen Exponenten Westerwelle Bahn bricht. Pachali erinnert nicht zu Unrecht daran, dass in der repräsentativen Demokratie die Vertretung von Interessen das politische Tagesgeschäft ausmacht. Lobbyismus, gar Interessenvertretung überhaupt zu verurteilen, ist folglich bestenfalls naiv und schlimmstenfalls verlogen. Befremdlich also die allgemeine Ablehnung, die Westerwelle so tagaus, tagein entgegenschlägt. Befremdlich, und doch nicht unverdient, Stichwort: spätrömische Dekadenz. Das Polemisieren gegen die Schwächsten, wie Pachali schreibt, „schickt sich nicht“, und „mehr muss man dazu nicht sagen“.

Was sich in politischen Angelegenheiten schickt und was sich nicht schickt, betrifft keine moralischen Fragen, sondern Fragen des guten Geschmacks. Nun mag man gemeinhin den Geschmack nicht als harte politische Münze nehmen, aber in repräsentativen politischen Gefügen entscheiden diese Geschmacksfragen zuweilen alles. Hannah Arendt hat einmal in diesem Zusammenhang auf Kants transzendentales Prinzip der Publizität verwiesen: „Alle Maximen, die der Publizität bedürfen (um ihren Zweck nicht zu verfehlen), stimmen mit Recht und Politik vereinigt zusammen“ (Zum ewigen Frieden). Das soll heißen, jede Äußerung, jede Unterredung und jede Tat, die sozusagen das „Licht der Öffentlichkeit“ nicht scheuen muss, ja, dessen um ihrer Gelingen willen sogar bedarf, ist rechtens und „schicklich“.

Herr Westerwelle möchte nun die Sozialversicherungssysteme – ja nennen wir es ruhig so – umbauen. Das liegt im Interesse der von ihm antizipierten Wählerschaft, der’s eben nicht genug im Geldsäcklein klingelt, und er versucht dafür allgemeine Zustimmung zu generieren. Folglich schickt sich sein Verhalten sehr wohl. Mehr ist dazu nicht zu sagen? – Eben.

Dieses Verhalten ist schicklich unter den Bedingungen der bürgerlichen politischen Ökonomie, also des Kapitalismus. Pachalis Ansatz eines pragmatischen Liberalismus, der mit den gegebenen politischer Institutionen operiert als Vermittlung der gesellschaftlichen Antagonismen, verkennt, dass es politisch, wenn es „auf Kosten der Schwächsten“ geht, alles andere als irrelevant ist, wer spricht. Gesellschaftliche Interessen stehen sich nämlich nicht äquivalent gegenüber, und ihre Repräsentation ist selbst ein „Regime des Sinnlichen“ (Jacques Rancière), aus der das Unrecht systematisch ausgeschlossen ist. Das politische Tagesgeschäft der Interessenvertretung besteht also darin, die „Interessen der Schwächsten“ einerseits zu konstituieren und andererseits zu delegitimieren, zu sagen, die Ungerechtigkeit, ja das Unrecht sind gar nicht vorhanden. Und da schließt sich der Kreis, denn wer bestrebt schließlich etwas anderes als ihm oder ihr zusteht? Das artikulierte bzw. repräsentierte Interesse selbst ist immer rechtens und jeder erhält, was er verdient (suum cuique).

17Apr/100

@Lord Laughter

Lieber Herr Laughter,

vielen Dank für Ihren elektronischen Leserbrief. Um diejenigen Ihrer Fragen zu beantworten, die ich beantworten kann (die Fragen zum Roxette-Video stellen Sie bitte Per Gessle bzw. Marie Fredriksson):

JAWOHL, es handelt sich hier um zwei Geister und wer eine Liebesbeziehung zu einem imaginären Freund bzw. einer imaginären Freundin unterhält, kann nicht ganz umhin, selbst irgendwie im Reich des Imaginären zu lustwandeln. Aber nehmen Sie es nicht allzu schwer, denn imaginär sind Sie ja nicht in einem substantiellen Sinne, sondern nur in den Augen von Misses Laughter.

Und da Sie sich offenkundig mit schwedischem Pop auseinandersetzen und es nicht immer Roxette sein muss: Elenette...

12Apr/101

SPENDING MY TIME

Für Hank, die Prokrastination, für die Selbsterkenntnis und die Intuition:

29Jan/100

OTAKU

Seit gestern habe ich einen neuen Mitbewohner. Der hat mir nun vorgeschlagen, dass ich etwas posten soll zum Unterschied zwischen nerd und geek. Mmh... Ich nehm das durchaus nicht persönlich. Ehrlicherweise kann ich dazu nicht so besonders viel beitragen - das scheint ja was zu tun zu haben mit Expertise und unsozialem Verhalten (ich bin eher supersozial und hab keine Ahnung).

Frau B., die Witwe von Herrn S., wirft gerade das Wort "wirklichkeitsfern" in die Runde. Sie isst nämlich Leberwurstpralinen (ja, wirklich, die gibt's in der Lebensmittelabteilung von Karstadt), lässt's sich also richtig gut gehen und löst dabei Kreuzworträtsel. Also: "wirklichkeitsfern, acht Buchstaben".[_TOP_ _ _H] Ich dachte zuerst an STOPNICH, aber - ja genau: UTOPISCH.

Sind also freaks, nerds, geeks Utopisten? Und hier wirds schwierig. Es gibt scheinbar verschiedene Formen, sich der Wirklichkeit zu entfremden. Ist einer, der auf die klassenlose Gesellschaft abzielt, ein Freak? Ja, irgendwie schon. Ein Geek? Weniger. Nerd: Auf keinen Fall. Und genauso in Fragen der Liebe. Freaky love - fancy, sticky love. Das Interessante ist nicht so sehr die Kategorisierung sozialer Devianzen, sondern dass die Parallelisierung von Wirklichkeitsferne und Utopie irgendwie nicht stimmen kann.

Die Science-Fiction-Literatur des 20. Jahrhunderts bearbeitete wesentlich das Thema der Dystopie - also die Struktur der (zukünftigen) Katastrophe. Ein aktuelleres Beispiel dafür ist McCarthys "The Road" von 2006, zu Deutsch bei Rowohlt erschienen:

"Der Tag nicht über sich selbst hinausweisend. Die Stunde. Es gibt kein Später. Das ist das Später. Alles Anmutige und Schöne, das einem am Herzen liegt, hat einen gemeinsamen Ursprung im Schmerz. Wird aus Trauer und Asche geboren. So, flüsterte er dem schlafenden Jungen zu. Ich habe dich."

Die Dystopie ist nun aber nicht einfach das Gegenteil der Utopie, sie bildet vielmehr eine Unterkategorie. Nun würde es niemandem ernstlich einfallen, den Inhalt eines Romans wirklichkeitsfern zu nennen. Aller Realismusdebatten des 20. Jahrhunderts zum Trotz ist die faktische Wirklichkeit oder die Nähe oder auch nur die Liebe zur Wirklichkeit ja kein valides ästhetisches Kriterium, mit dem sich bestimmen ließe, was ein Roman in uns auslöst, anstößt - was er uns sagt. Der Roman ist der symbolischen Textur einer Welt sogar da am nächsten, wo er ihrer Faktizität den Rücken zugewendet hat: Was hab ich auf dieser Galeere zu suchen.

Eine Utopie zu haben, zu denken, zu entwickeln, besteht eben genau darin: Der banalen Faktizität, dem Reich der Notwendigkeit, der Ananke den Rücken zuzukehren. Und wir - jedeR von uns - arbeiten bereits jeden Tag daran , dass ein Bild unseres Selbst die Wirklichkeit berührt, dass wir selbst mögliche sind und unser Mögliches real.

Jenseits einer irgendwie ästhetischen Arbeit, lässt sich also nach dem Utopischen des Alltags fragen. Und da ist doch eine Sache auffällig. Es hat  sich irgendwie ergeben, dass die  pessimistisch gesinnte Prophetie ("Der Untergang des Abendlands") aus einem Grund, der wohl sehr viel mit der Frustrationserfahrung moderner Subjektivität zu tun haben mag, irgendwie landläufig als glaubwürdiger gehandelt wird. Der Untergang erscheint als eine Bestrafungsphantasie, die im Subjekt zugleich die Lust freisetzt.

Wenn das Utopische also unsere alltgliche Erfahrung ist, dass ein Mögliches die Wirklichkeit berührt, und wenn das Utopische die Unmittelbarkeit der Lust in einem Feld der Frustration bedeutet (also das Gegenteil des Untergangs), dann zeigt sich auch, dass die Idee der Wirklichkeit eine unmittelbar politische ist. Die Wirklichkeitsferne des Utopischen ist dann selbst nur eine Unterkategorie der Utopie. Und der Utopist mag nun ein freak sein, geek oder nerd. Er führt auf jeden Fall ein verdammt anstrengendes Leben.

Und hier, a propos Anstrengung:

26Jan/101

YES

Britney